Johannes Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.

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Andrew Soltis,
Bobby Fischer
Rediscovered,
London: Batsford,
2003, 287 S.,
kartoniert, 24,95€.



von Johannes Fischer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

KRITIK IN KÜRZE: EIN NEUER BLICK AUF BOBBY FISCHER? ANDREW SOLTIS' BOBBY FISCHER REDISCOVERED

 

Bobby Fischer Rediscovered? Der Titel macht stutzig. Zwar verschwand Fischer nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 1972 in der Versenkung, aber vergessen wurde er deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Noch immer erscheinen Bücher und Artikel über sein Schach, sein Verhältnis zu den Sowjets, seine Eskapaden, seine antisemitischen Wahnvorstellungen, und, und, und. Kein Schachspieler hat je so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, keiner hat dem Spiel mehr Anhänger verschafft und keiner entspricht so sehr dem Klischee des wahngefährdeten Genies wie Bobby Fischer. Was sollte es da wieder zu entdecken geben?

Andrew Soltis' Antwort überrascht: Fischers Partien. Ein paar davon hat Soltis miterlebt und einmal hat er sogar eine Schnellpartie gegen Bobby gespielt. Nach einem Fehler Fischers stand er auf Gewinn, war dann aber der Ausstrahlung und dem Siegeswillen seines Gegners nicht gewachsen und verlor schließlich noch. Auch Soltis ist Großmeister und traf Bobby immer mal wieder bei Turnieren oder in New Yorker Schachclubs. "Das letzte Mal sah ich ihn am 21. September 1972, beim ‚Bobby Fischer Day' in New York, einer zeremoniellen Feier in der City Hall, drei Wochen nach Ende des Wettkampfs. ... Dreißig Jahre später betrachtete ich mir Fischers Partien das erste Mal, seit sie gespielt wurden. Mir fiel auf, dass sie in zwei Kategorien fielen. Manche werden tatsächlich überschätzt. Aber sehr viel mehr werden unterschätzt - wenn man sie überhaupt kennt. Und seine Originalität, die damals so verblüffend war, ging mit der Zeit verloren. Mir scheint, Fischer verdient es mit ganz neuen Augen gesehen zu werden (S.10-11)".

Um dabei zu helfen, präsentiert Soltis hundert Fischer-Partien, von den ersten Erfolgen in offenen amerikanischen Turnieren bis hin zu zwei Partien aus dem Wettkampf gegen Spasski 1992 in Sveti Stefan. Zwar überschneidet sich die Auswahl gelegentlich mit den 60 Denkwürdigen Partien, aber dafür stammen auch fast ein Viertel der Partien aus den Jahren 1970-1972, dem Höhepunkt von Fischers Karriere.

Die kurzen Einleitungen zu den Partien zeichnen Fischers Entwicklung als Schachspieler nach und zeigen wie Fischer an seinen Eröffnungen und an seinem Spiel gearbeitet hat. Aufgelockert wird der Text durch zahlreiche Anekdoten über Fischer und eingestreute Zitate des Meisters.


Mit typischen Fischer-Aussprüchen werden auch die Grundprinzipien seines schachlichen Credos illustriert, z.B. Fischers Glaube, dass man dem Gegner gute Felder einräumen muss, wenn die eigenen Figuren aktiv werden sollen - "To get squares, you gotta give squares"; der Hang zu unorthodoxen Zügen - "Ugly moves aren't bad"; die Neigung, Bauern zu nehmen, um sich danach genau zu verteidigen und den Materialvorteil zum Sieg zu führen - "Material matters" und Fischers Vorliebe für technisches Schach - "Technique has many faces".

Soltis schreibt mit Enthusiasmus und Bewunderung, aber wahrt Distanz. Fischers Eigenheiten, die irgendwann zu Wahnvorstellungen wurden, verschweigt er nicht, verzichtet aber auf den Sensationalismus, der viele andere Berichte über das einstige Wunderkind so oft begleitet.

Seine Analysen sind solide, wenngleich nicht tiefschürfend. Sie weisen auf kritische Punkte und Varianten hin und erläutern den Verlauf der Partie. Aber leider verzichtet Soltis darauf, die Unterschiede zwischen Fischers Schach und dem Spiel der heutigen Spitzenspieler näher zu betrachten. Denn verglichen mit den dynamischen, zweischneidigen Duellen heutiger Weltklassespieler wirken viele von Fischers Partien heute einseitig und seine Gegner scheinen sich oft ohne viel Widerstand in ihr Schicksal zu ergeben.

So liefert Soltis zwar keine fundamentale Neubewertung Bobby Fischers und kann insofern das Versprechen des Titels nur bedingt einlösen, aber ihm gelingt mit Bobby Fischer Rediscovered dennoch ein unterhaltsames, lesenswertes Porträt des umstrittenen Schachgenies.

 

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