Ian Rogers,
41, Großmeister, wohnt im australischen Winter in Sydney und im europäischen Winter in Amsterdam.

GRÜSSE AUS...



VON IAN ROGERS

Wenn ich am Ende der Schachsaison in Europa als australischer Großmeister die Heimreise antrete, bin ich neuerdings selbst während des 24stündigen Flugs nicht mehr vorm Schach gefeit. Bei der modernen Boeing 777 verfügt jeder Platz über einen Bildschirm mit einer Auswahl an Filmen und Videospielen, von denen sich eines als das Königliche Spiel ausgibt.

Wählen Sie „Schach“, und vor Ihnen taucht ein Brett auf, in dem das rechte untere Eckfeld schwarz ist. Beginnen Sie eine Partie, und Sie werden bald feststellen, dass ihr elektronischer Gegner kein Matt erkennt. Besser noch: Nachdem Sie matt gesetzt haben, lässt das Programm Ihre Bedenkzeit weiterlaufen.

Der Verdacht, dass Schach wohl nicht die Stärke der Programmierer ist, wird noch größer, wenn Sie das Bordmagazin von Malaysian Airlines aufschlagen und dort in der Spielanleitung lesen: „Machen Sie strategische Züge, um die Spieler Ihres
Gegners zu schlagen, und gewinnen Sie, indem Sie die Dame erobern oder ihr Schach bieten ... Spüren Sie Ihre Macht, wenn Ihre Armee eindringt und die gegnerischen Spieler auf dem Feldzug zur Vernichtung der Schwarzen Dame schlägt.“

Einem solch lächerlichen Programm bei einer europäischen Fluggesellschaft zu begegnen, scheint mir unvorstellbar zu sein. Aber so sind nun mal die kulturellen Unterschiede zwischen dem asiatisch-pazifischen Raum und Europa. Für Malaysian Airlines ist Schach nur eins von vielen Videospielen zur Unterhaltung der Passagiere, dessen Regeln vermutlich nicht so genau feststehen.
Die unterschiedliche Einstellung der Europäer und dem Rest der Welt zum Schach wird immer dann deutlich, wenn es in einer Unterhaltung zur Frage „Was machen Sie beruflich?“ kommt. In Europa ist die Antwort „Ich spiele Schach“ durchaus vertretbar. In anderen Teilen der Welt folgt darauf unweigerlich: „Okay, Sie spielen Schach, aber was ist denn nun Ihr richtiger Beruf?“
Wie groß der Kontrast zwischen Europa und meinem Teil der Welt ist, wurde mir einmal mehr kurz vor und nach meiner Heimreise vor Augen geführt, als ich die Gelegenheit hatte, auf entgegengesetzten Seiten des Erdballs Mannschaftskämpfe zu spielen.

Zwei Tage vor meinem Flug von Amsterdam nach Sydney nahm ich am Finale der Niederländischen Liga teil. Die Veranstaltung wurde in einem edlen Hotel ausgetragen, in dem es neben einem geräumigen Spielsaal noch einen Raum gab, in dem Experten den Spielverlauf kommentierten; dazu noch ein Foyer samt Bar, wo wir die beendeten Partien analysierten. Die Klubs bezahlten die Spieler, die für sie antraten. Der Ausrichter Ordina Breda besass genügend Unterstützung durch seinen Sponsor, um nicht nur die Saalmiete und die Spesen der anderen Teams zu übernehmen, sondern er konnte es sich auch leisten einen starken Großmeister wie Waganjan am achten Brett einzusetzen, da er so viele Spitzenleute unter Vertrag hatte. (Kein Wunder, dass Ordina zum sechsten Mal in Folge Niederländischer Meister wurde).

Vier Tage später befinde ich mich beim Erstrunden-Match der Klubliga von Sydney in einer engen Spielhalle in Ashbury, einem Vorort im Südwesten. Die Spielhalle besteht zu neunzig Prozent aus Pokerautomaten und nur ein ziemlich kleiner Nebenraum wird einmal pro Woche an den lokalen Schachklub vermietet. Bei meiner Ankunft werde ich gefragt, ob ich Schach spiele. Als ich dies bejahe, entscheidet der Organisator, dass ich Mitglied des auswärtigen Unter 1600-Teams sein müsste, das an diesem Abend gegen das einheimische Unter 1600-Team antritt. Es gibt auch eine Liga für Unter 1400-Teams, also Spieler mit höchstens 1400 australischen Elopunkten, aber das nur nebenbei. Ich will den Organisator nicht von seiner Einschätzung abbringen und sein überraschtes Gesicht sehen, wenn ich später dem Star seines Klubs, dem Internationalen Meister John-Paul Wallace, gegenüber Platz nehme.

Bevor es los geht, helfe ich ihm, die Bretter und Figuren aufzustellen. Dabei fällt mir ein, wie ich vor mehr als zehn Jahren zu einer Simultanvorstellung in einem Klub in Melbourne eintraf und eine Dreiviertelstunde mit Mitgliedern des Klubs verplauderte, als einer der Organisatoren aufstand und meinte: „Ich frage mich, wann Ian Rogers endlich auftaucht.“ Ich habe der Diskussion über die schlechten Manieren dieser Spitzenspieler damals eine Weile ihren Lauf gelassen, bevor ich meine Identität preisgab.

Mittlerweile sollte klar geworden sein, dass Schach in Australien nicht gerade eine der Hauptsportarten ist. Dabei ist das Spiel, obwohl es in den Medien fast nicht präsent ist, auf unterem Niveau ziemlich populär. Etwa 10000 Kinder nehmen in Sydney an den Schulmeisterschaften teil. Es gibt Dutzende Vollzeit- und Teilzeitschachlehrer. Und vieles deutet darauf hin, dass Tausende Jugendliche im Internet spielen, ohne je in einer Schulschachgruppe, einem Klub oder einem Turnier aufzutauchen.

Auf höherem Niveau läuft es nicht so gut. Wie Fußball kämpft Schach permanent gegen die Meinung an, nur etwas für
Einwanderer zu sein. Diese Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr. Einwanderer, vor allem aus Europa, bringen ihre Leidenschaft für Fußball und Schach mit nach Australien und bilden die Basis vieler Schachklubs im ganzen Land. Während es allerdings regelmäßig knallt zwischen kroatischen und serbischen Fußballern und ihren Anhängern, zwischen Griechen und Mazedoniern, zwischen englischen und schottischen Teams, sehen die ethnisch geprägten - in der Regel durch Serben, Kroaten oder Filipinos - Schachklubs in Sydney ihr Spiel nicht als Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln. In den Schachligen und -turnieren geht es friedlich zu.

Das einzige ernsthafte Problem trat auf, als die Verwaltung Western Sydneys in der Haupteinkaufsstraße des Stadtteils Liverpool ein Schachspiel aufbaute. In Liverpool leben viele jugoslawische Einwanderer. Jeden Abend trafen sich serbische und kroatische Spieler an dem riesigen Brett zu einer Partie, die mehr oder weniger oft mit einer Rauferei endete. Um die öffentliche Ruhe wiederherzustellen war die Verwaltung schon drauf und dran, das Schachspiel zu entfernen, aber am Ende entschied man dann doch, die Figuren nur während der Bürozeiten aufzubauen.

Angesichts der Beliebtheit des Schachs in vielen ethnischen Gemeinden gibt es in Australien, einem Land, wo jeder Zweite mindestens einen Elternteil aus Übersee hat, überraschend wenige Einwanderer unter den führenden Spielern, vor allem was die Olympiaauswahl betrifft.

Während es in Ländern wie Indonesien oder auf den Philippinen sinnvoll sein kann, sein Glück als Schachprofi zu versuchen, ist davon in reicheren asiatisch-pazifischen Ländern wie Singapur oder Australien aus finanzieller Sicht abzuraten. Das gilt um so mehr für Einwanderer, die in erster Linie sehen müssen, wie sie sich und ihre Familie über die Runden bringen.

Ins Team aufgenommen zu werden ist nicht das Problem. Nach zwei Jahren Aufenthalt kriegt man einen australischen Pass und darf Australien auf der Olympiade vertreten. Das bedeutet allerdings, drei Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen und die Reise selbst zu bezahlen - ein Luxus, den sich wenige der stärksten Schachspieler unter den Einwanderern leisten können.
So hat die rumänische Großmeisterin Daniela Nutu-Gajic, bei weitem die stärkste Spielerin, die je nach Australien immigriert ist, durch die Notwendigkeit, ihren Ehemann und ihre beiden Kinder zu unterstützen, Schach nahezu aufgegeben, seit sie vor fünf Jahren als Kriegsflüchtling aus Bosnien in Adelaide eintraf.

Übrigens spielen ihre beiden Töchtern gut Schach, aber eine von ihnen zeigt auch Talent im Tennis. Wie alle australischen Eltern
wissen Nutu-Gajic und ihr Mann, dass Tennis ein richtiger Beruf ist, und wären mehr als glücklich, sollte ihre Tochter diese Laufbahn einschlagen.

PS: Bei meiner Ankunft in Sydney entdeckte der Zollbeamte, dass ich auf meinem Einreiseformular unter Beruf „Schachspieler“ eingetragen hatte. „Können Sie damit etwa Geld verdienen“, wollte er wissen. „Nein“, gab ich zurück, wohl wissend, dass eine ehrliche Antwort nur einen Strom von Fragen provoziert hätte, wie lange ich Profi sei, wieviel ich verdiente und so weiter und so fort. „Aber es macht Spaß“, sagte ich noch.

AUFGEZEICHNET VON STEFAN LÖFFLER