KARL (2001) IM GESPRÄCH MIT SCHACHWELTMEISTER DR. EMANUEL LASKER (1937)


KARL: Herr Dr. Lasker, wie stellt sich das sowjetische Schachleben dar?
LASKER: In der Sowjetunion gibt es mehr Schachbücher als anderswo. Eine Auflage von 20.000, anderswo eine unerhört große, ist hier eine kleine und verschwindet vom Markt ein paar Tage nach ihrer Veröffentlichung. Allein in Moskau sind es wohl 600 organisierte Klubs, aber es ist schwer zu sagen, denn jede Fabrik und jede Schule scheint eine Schachabteilung zu haben. Es gibt Sachverständige für die Organisation des Schach. Ein Klub, der sich ausbreiten will, bedient sich eines Organisators. Die Meister und Spieler erster Kategorie geben Simultan-Vorstellungen, halten belehrende und unterhaltende Vorträge oder schreiben gegen Honorar für Schachzeitschriften, Verlage oder Schachspalten in Zeitungen. Aber Berufsspieler gibt es nicht, denn eine solche Beschäftigung fiele nicht unter den Begriff der Arbeit.

KARL: Was zeichnet die sowjetischen Spieler aus?
LASKER: Sie lernen aus der Praxis des Kampfes und verabscheuen Hirngespinste, wie sie oft genug als eine so genannte Theorie angepriesen werden. Sie haben den Mut, das Ungewisse zu wagen, um es kennenzulernen. Sie analysieren eifrig ihre Fehler. Ihnen imponiert kein Buch, das sie nicht streng auf die Probe gestellt haben.

KARL: Wo stehen im Jahr 1937 die anderen großen Nationen?
LASKER: Bis 1890 waren die in London ansässigen Spieler tonangebend. Dann war in England kein Nachwuchs mehr da. Die Vereinigten Staaten interessieren sich nicht für das Schachspiel. Das Verständnis bleibt rudimentär, weil bei dem mangelnden Interesse des Publikums eine liebevolle Pflege des Spiels nicht lohnt. In Frankreich ist die Presse in der Hand der mittelmäßigen Spieler. Die großen Meister werden wenig unterstützt, ihre Fähigkeiten minimal ausgenützt.

KARL: Warum gibt es so viele arme Berufsspieler?
LASKER: Ein werdender Meister findet immer einige Freunde, die ihm unvermutet stark anhängen. Aber erst verführt man sie, sich dem Schach zu widmen, und dann lässt man sie im Stich. Die Mitglieder der Klubs wollen nichts anderes, als zu spielen, um sich zu entspannen, ohne Ehrgeiz. Sie nehmen das Spiel nicht ernst, sie fliehen vor dem Ernst. Bei alledem sind sie dem Meister wohl gesinnt. Sie freuen sich, wenn jemand da ist, der vom Schach weit mehr versteht als sie. Aber sie sind mit ihren Turnieren beschäftigt. Die Sekretäre träumen von einem festen Raum für ihren Klub und von künftigen Meistern. Ob die Lehrer der gegenwärtigen Generation dabei zugrunde gehen, ist ihnen gleichgültig. Die Mäzene bringen manches Opfer. Nicht die Kunst oder die Idee des Schachspiels als vielmehr das Schach an ihrem Ort, vergegenständlicht durch ihren Klub, ist ihnen ans Herz gewachsen.

KARL: Was macht einen Schachmeister aus?
LASKER: Es ist eine Art Instinkt, die den Meister leitet. Er weiß selbst nicht, wie er seine Züge produziert, aber er tut es vollendet. Um darzulegen, was wir denken, wenn wir den richtigen Zug suchen, müssten wir aufhören, ihn zu suchen. Der intelligente Zuschauer, der die meisterliche Partie mit Eifer studiert, weiß den Charakter des meisterlichen Spiels besser zu beschreiben und nachzuahmen als der Meister selber. Der Titel macht nicht die Meisterschaft. Ich strebe seit mehr als vierzig Jahren danach. Der vollkommene Meister muss erst noch geboren werden.

Laskers Antworten sind, leicht angepasst und zusammengefasst, seiner einzigen Erzählung "Wie Wanja Meister wurde" entnommen. Dieses während seines Moskauer Exils 1937 entstandene Werk galt lange Zeit als verschollen, ist aber vor kurzem vom Exzelsior Verlag neu aufgelegt worden. Michael Dreyer hat dieses informative Zeugnis über die Schachentwicklung Laskers und das Schachleben seiner Zeit neu herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen.

 

Bei nebenstehendem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung.

Emanuel Lasker, Wie Wanja Meister wurde, Berlin: Exzelsior Verlag 2001, 184 Seiten, gebunden, mit Zeichnungen von Stella Kati Krehl, 29,90 DM