WINDS OF CHANGE

Partien, in denen sich der Niedergang ankündigt

VON MIHAIL MARIN //
Übersetzung von Harry Schaack

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Beitrag lesen Sie in KARL 4/17)

 

winds of change
Foto: Harry Schaack

Über denkwürdige Partien zu schreiben, scheint eine einfache Aufgabe zu sein. Gab es nicht zahlreiche davon über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg? Aber gerade da beginnt das Problem. Welche Beispiele soll man aus dieser Fülle auswählen? Wagemutige, spektakuläre Angriffe, tiefe strategische Leistungen, schreckliche Fehler, entscheidende Partien in WM-Matches … Aber all diese Kategorien findet man schon in anderen spezifischen, thematischen Artikeln.

Beim zweiten Nachdenken fand ich etwas Besseres: Partien, die in ein gewisses Mysterium gehüllt sind, weil sie sich als Vorboten kommender Ereignisse erweisen. Es gab immer wieder lange Perioden in der Schachgeschichte, in der die Vormachtstellung in der Weltspitze unbestritten war. Der beste Spieler der Welt zu sein ist ein Privileg, das Gegner, Experten und die Öffentlichkeit anerkennen. Aber wenn alle auf den Siegeszug des Weltbesten aufspringen, besteht die Tendenz, die Erfolge zu verklären. Die größten Champions, die es schafften, ihre Vorherrschaft über eine ganze Epoche hinweg zu behaupten, sind niemals plötzlich „gefallen“. Es gab stets Alarmsignale, in denen sich die Dinge allmählich zu ändern begannen. In diesen entscheidenden Momenten waren die ersten Zeichen der Schwäche zu erkennen, wie bei einem alternden Löwen, der bald die Führung über sein Rudel verlieren wird. Wenn ich zurückdenke, waren es gerade diese Partien, die bei mir den tiefsten Eindruck hinterlassen haben.

In Kuba war Capablanca schon in frühen Jahren als Schachwunderkind bekannt. Die Amerikaner schockte er, als er Marshall in einem langen Match ver­nichtend schlug. Und Europa eroberte er 1911 bei seinem ersten Auftritt, als er das Superturnier in San Sebastian gewann: Deshalb überrascht es nicht, dass ihn Aljechin bereits 1914 während des Turniers in Mannheim als kommenden Weltmeister bezeichnete – sieben Jahre bevor Capablanca Lasker in Havanna entthronte. Später bezeichneten ihn die Medien als „Maschine“ und Capablanca selbst begann zu denken, dass er das Spiel „gelöst“ habe, weshalb er Regeländerungen und eine Brettvergrößerung vorschlug.

1924 saß Capablanca fest im Sattel und war bereits eine Legende. Acht Jahre war er in offiziellen Turnieren ungeschlagen geblieben, zuletzt hatte er 1916 gegen Chajes in New York eine Niederlage erlitten. Zwar hatte er einige freie und einige Simultan-Partien verloren und zudem gab es in dieser Zeit wegen des Ersten Weltkrieges nicht viele Turniere. Aber für die öffentliche Meinung war ein Rekord von acht Jahren genug, um den Mythos seiner Unbesiegbarkeit zu erschaffen.

Doch die fünfte Runde des Superturniers 1924 in New York beendete diese Periode und kratzte am Ruf des Weltmeisters. Capablancas Gegner Richard Réti war ein herausragender Vertreter der hypermodernen Schule. Später tauften Theoretiker eine ganze Serie von Eröffnungen auf seinen Namen.

Rétis überzeugender Sieg über den Weltmeister dürfte von einigen als Beweis betrachtet worden sein, dass die hyper­moderne der klassischen Schule überlegen sei. Aber ein näherer Blick, verbunden mit den Dingen, die wir bereits aus meinem Artikel im letzten KARL (3/2017, S. 10 ff.) kennengelernt haben, wirft ein anderes Licht auf diese Niederlage.

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Beitrag lesen Sie in KARL 4/17)