LUZIDES LEHRBUCH

Von Harry Schaack


Boris Gelfand zählt wohl zu den meist unterschätzten Spielern, obwohl er schon seit über 25 Jahren unablässig in der absoluten Weltspitze zu finden ist und 2012 in Moskau gegen Anand um den WM-Titel spielte. Aber sein Stil wirkt auf viele nicht attraktiv, weil er sehr technisch ist. Dies mag für manche den Zugang zu seinen Partien erschweren, obwohl sie oft sehr luzide und lehrreich sind.

Wie scharf Gelfands analytischer Blick ist, lässt sich in seinem 2015 erschienenen Werk Positional Decision Making in Chess überprüfen. Es ist ein geradezu ideales Lehrbuch, um sein positionelles Stellungsverständnis zu schulen. Gelfands Gewährsmann ist neben Geller und Polugajewski vor allem Akiwa Rubinstein. Dessen langfristigen Pläne, die alle Phasen des Spiels miteinander verbanden, waren auch für Gelfand eine Orientierung, seinen eigenen Stil zu finden, weshalb die Partien seines Vorbilds zum Leitfaden werden, der sich durch das gesamte Buch zieht.

Gelfand plädiert stets dafür, die Klassiker zu
studieren, da man dort Konzepte, Pläne und Muster besser erkennen kann als durch die Brille heutiger Computer, die zwar Züge und Varianten, aber eben keine Strategien zeigen. Dass ein genaues Studium der Altvorderen nachhaltig sein kann, zeigt Gelfands langanhaltender Erfolg. Obwohl noch aktiv, ist er heute selbst ein Klassiker.

Bei der Betrachtung diverser Elemente positionellen Spiels analysiert Gelfand nicht nur seine eigenen Partien. In die Analyse schiebt er immer wieder klassische Beispiele ein, um zu zeigen, wie dort bereits gewisse Ideen vorweggenommen wurden – Ideen, die bis in die Gegenwart wirken. Es geht Gelfand um grundsätzliche, aber teils schwierige Elemente des Positionsspiels wie Raumvorteil, Bauernstrukturen, Transformationen statischer in dynamische Vorteile oder auch das Umschalten von einer passiven zu einer aktiven Verteidigung.

Gelfand schöpft bei der Behandlung des Themas aus dem Vollen. Er greift zu Vergleichen aus der Vergangenheit, mit denen er wie selbstverständlich vertraut ist. Da erkennt er ein gleiches Motiv, hier eine ähnliche Struktur, dort dasselbe Zusammenspiel der Figuren.

Besonders erhellend sind Gelfands zahlreiche Einschätzungen zu seinen Großmeisterkollegen, in denen der Autor kurz und prägnant deren Stärken und Schwächen beschreibt. So meint er zu Kasparow, dass der nach 1987 aufgrund seiner überlegenen Eröffnungsvorbereitung irgendwann verlernt hatte, sich zu verteidigen, weil er nur noch selten in solche Stellungen gekommen ist. Und seinen Konkurrenten und Freund Aronjan hält Gelfand für „den kreativsten Spieler unserer Zeit“.

Bücher wie Positional Decision Making in Chess, in denen ein Weltklassespieler die Feinheiten einer Stellung erklärt, sind nicht nur wertvoll für die Verbesserung der eigenen Spielstärke. Sie werden auch nicht obsolet. Wie die Klassiker, mit denen sich Gelfand bis heute beschäftigt.





 

gelfandcover

Boris Gelfand,
Positional Decision Making
in Chess,
Quality Chess 2015,
Hardcover,
285 S.,
29,99 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.