LIEBE KARL-LESER,

schon Schopenhauer wusste, dass das Genie nur eine Etage höher als der Wahnsinn wohnt. Jüngste Erkenntnisse in der Genforschung legen nahe, dass beide Extreme eine gewisse Verwandtschaft haben. Aber wann ist ein Mensch verrückt? Wann genial? Wann kann man von einer signifikanten Abweichung vom „Normalen“ sprechen?

Der Psychiater Thorsten Heedt erklärt in seinem Beitrag, wie man die Phänomene medizinisch auseinanderhält. Bei seiner Betrachtung der Schachspieler kommt er zu einigen erstaunlichen Ergebnissen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich die Psychologie langsam als Wissenschaft etablierte, gerieten die Schachspieler in den Fokus fragwürdiger Untersuchungen. Das Klischee vom verrückten Schachspieler hält sich bis heute, gestützt auf prominente Fälle wie Steinitz, Pillsbury oder Rubinstein. Michael Ehn setzt sich in seinem Artikel mit einem populärwissenschaftlichen Werk des Psychiaters Wilhelm Lange-Eichbaum auseinander, das trotz rassenideologischen Gedankenguts seines Autors bis 1996 immer wieder neue Auflagen erlebte. Ehn zeigt, dass sich die darin enthaltenen Diagnosen zu den Schachweltmeistern allesamt auf zweifelhafte Sekundärliteratur stützen.

Wie sehr diese Debatte auch auf die Literatur ausstrahlte, legt Hans Holländer dar. Stefan Zweig, Vladimir Nabokov und Fernando Arrabal sind seine Gewährsleute für den schriftstellerischen Schachirrsinn.

Michael Negele widmet sich in seinem Beitrag dem bedeutenden Schachpublizisten Johannes Minckwitz. Besonders sein schwierige Verhältnis zu seinem Vater kann Negele dezidiert darlegen. Nach dessen Tod bricht bei Minckwitz eine geistige Erkrankung aus, die mit dem Suizid endet.

Mihail Marin zeigt in seiner Sammlung außergewöhnlicher Partien, was man schachintrinsisch als „genial“ und „irrsinnig“ bezeichnen kann. Seine Beispiele machen auf jeden Fall Staunen und legen dem Betrachten vielleicht auch das Wort „Wahnsinn“ auf die Lippen.

Johannes Fischer hat sich im Porträt einen dem Thema adäquaten Gesprächspartner gesucht: den Schachcomputer Deep Blue. In dessen Match gegen Kasparow verschwammen die Grenzen zwischen Genialität und Wahn.

Mit Gerald Hertneck hat KARL einen neuen Kolumnisten. In seinem Eröffnungsbeitrag widmet sich der Münchner Großmeister dem historischen deutsch-deutschen Vergleichskampf 1988 in Potsdam. Ein in jeder Beziehung denkwürdiger Wettkampf, der im September eine nostalgische Wiederauflage in Leipzig erlebte.

Harry Schaack

 

 

editorial1