LIEBE KARL-LESER,

Wladimir Kramnik, dessen Vater Bildhauer ist, sagte einmal: „Für mich sind Kunst und Schach eng verwandt. Beides sind Formen, in denen das Ich Schönheit und Ausdruck findet.“ Und der Maler David Hockney drückte es so aus: „Drawing is rather like playing chess: your mind races ahead of the moves that you eventually make.“

Diese Vergleiche verwundern wenig, denn schon in der klassischen Definition wird Schach als eine Mischung aus Sport, Wissenschaft und eben der Kunst bezeichnet. Wie es sich mit diesem Zusammenhang zwischen Schach und der bildenden Kunst genau verhält, beleuchtet dieser KARL.

Das Schachspiel kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und deshalb ist es als Sujet auch schon früh zu finden, sei es in mittelalterlichen Manuskripten wie dem Buch der Spiele von Alfons X. oder im Kapitell im Naumburger Dom. Der Reiz der Schachdarstellungen scheint bis heute nicht verblasst zu sein, denn auch Künstler der Gegenwart arbeiten sich in immer neuen Formen daran ab. Schach ist in der Kunst bis heute ein flexibel einsetzbares Erklärungsmodell für viele Bereiche menschlichen Lebens.

Wie sich dieses Sujet im Laufe der Epochen verändert hat, zeigt der Kunsthistoriker Hans Holländer in seinen beiden Beiträgen, die zu einem Streifzug durch die schachliche Kunstgeschichte einladen. Er zeigt, wie unterschiedlich sich die künstlerischen Formen Ausdruck verleihen und welchen Konnotationswandlungen das Spiel in der Abbildung über die Jahrhunderte hinweg erfahren hat. Schach wird zum Vehikel, mit dem die Welt betreten wird, die in der künstlerischen Gestaltungen in all ihren Facetten erscheint.

Holländers zweiter Beitrag beschäftigt sich mit den Darstellungen im modernen Zeitalter, wo das Schach mehr zum Abbild des psychologischen Labyrinths wird und sich Felder und Figuren in völliger Metamorphose befinden. In der Moderne scheinen die Abmessungen des Schachbretts zu eng geworden zu sein – die Kunst entgrenzt sich.

Ernst Strouhal hat mit seinen Studenten in einem Seminar zum Thema Schach und Gestaltung am Institut für Architektur der Hochschule Liechtenstein in Vaduz gezeigt, wie man auf kreative Weise fast alle Materialien zu einem Schachspiel umfunktionieren kann. Die erstaunlichen Ergebnisse, zu denen auch unser Titelbild zählt, sind Paradebeispiele für die Verwandlung der Dinge.

Im Porträt erzählt mit Dennis Wagner eine der großen deutschen Schachhoffnungen, was nötig ist, um im Schach nach vorne zu kommen. Das Multitalent zählt zu den vom DSB besonders geförderten Schachprinzen. Nach seinem Abitur hat er im Moment ein Schachjahr eingelegt. Dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat, bestätigen seine jüngsten Resultate. Ende November wäre der 17-Jährige um ein Haar Deutscher Meister geworden.

Harry Schaack


ERRATA: Auf S. 19 ist das Bild von Jan Vermeyen falsch datiert. Statt 1449 muss es 1549 heißen.

 


editorial1