DIENSTREISE NACH CHENNAI –
NOTIZEN ZUR WELTMEISTERSCHAFT

Von Eric van Reem

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/13)


Bereits zum dritten Mal konnte der Autor dieser Zeilen eine Schachweltmeisterschaft als Mitglied im „Team Anand“ hautnah miterleben. 2010 spielte Vishy Anand gegen seinen Herausforderer Wesselin Topalow in Sofia, und nach einem im wahrsten Sinne des Wortes holprigen Start, einer 2000 Kilometer langen Anreise mit einem Taxi und einer krachenden Niederlage in der ersten Partie inklusive, gewann der Inder letztendlich das Match knapp nach einem brillanten Schwarzsieg in der zwölften und letzten Partie.
In Mai 2012 wurde Anand von Boris Gelfand aus Israel herausgefordert. Das Match fand in Moskau statt, und einen Bericht über die aufregende Zeit in der Schachmetropole können Sie im Artikel „Dienstreise nach Moskau“, in KARL 2/2012 nachlesen.

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Autor Eric van Reem in der Vishy-Lounge
(Foto: © Harry Schaack)


VORBEREITUNG
Im November 2013 musste Anand seinen Titel erneut verteidigen. Es war seit dem Titelgewinn in Mexico 2007 bereits sein viertes Weltmeisterschaftsmatch. Doch dieses Mal war alles anders. Der Herausforderer Magnus Carlsen war als Weltranglistenerster der haushohe Favorit: für den Titelverteidiger kam noch eine besondere Konstellation hinzu: er spielte in seiner Geburtsstadt Chennai (früher Madras). Anand, der seit der Geburt seines
Sohnes Akhil 2011 sehr viel mehr Zeit in Indien als in Europa verbringt, bereitete sich im Sommer allerdings wie gewohnt unter der organisatorischen Leitung seines Freundes Hans-Walter Schmitt im hessischen Bad Soden am Taunus vor, wo er sich vor einigen Jahren eine Wohnung gekauft hat. Zusammen mit seinem neuen Sekundantenteam, bestehend aus Radoslaw Wojtaszek aus Polen, Peter Leko aus Ungarn und den beiden Indern Krishnan Sasikiran und Sandipan Chanda trainierte Anand von Juli bis September im modernen Chess Tigers Training Center in Bad Soden. In dem idyllischen Städtchen im Taunus absolvierte Anand zudem ein striktes Fitnessprogramm, bestehend aus Schwimmen, Laufen und Krafttraining.

Nachdem Anfang Oktober die Sekundanten abgereist waren, bewältigte Anand noch einige Pressetermine und Fotosessions in Deutschland. Der renommierte Fotograf Jan Stradtmann reiste aus Berlin an, um einige Bilder für das Financial Times Magazine zu machen. Die Marketingmaschine hinter Carlsen startete bereits im Sommer die Motoren und die heimische Presse berichtete schon früh über sein Trainingslager im südnorwegischen Kragerø. Ein Foto, auf dem Carlsen vom Fünfmeterbrett ins Wasser springt, war in Norwegen auf mehreren Titelseiten zu finden.

Auf Twitter wurden fast täglich Links zu den Nachrichten über Carlsen gebracht. Auch aus dem Anand-Camp gab es via Twitter und Facebook im Oktober einige Lebenszeichen. Eine riesige „Social Media“-Kampagne seines Sponsors NIIT mit den Namen „Wish4Vishy“ startete ebenfalls in Oktober.

IN CHENNAI
Da die WM quasi vor der Haustür in Chennai gespielt wurde, übernahm Ehefrau und Managerin Aruna Anand vor Ort alle notwendigen Vorbereitungen. Das Grand Hyatt Regency Hotel, wo das Match gespielt wurde, liegt nur wenige Autominuten vom Haus der Anands entfernt. Die Sekundanten trafen bereits Ende Oktober im Hyatt ein, und wenige Tage später flogen die Betreuer Hans-Walter Schmitt und Ihr Autor nach Chennai. Nach einem Tag der Akklimatisierung (30 Grad Temperatur und viereinhalb Stunden Zeitunterschied mussten bewältigt werden) gab es bereits am 7. November ein volles Programm: die übliche Inspektion des Spielsaals, das Players Meeting, die Eröffnungspressekonferenz und die spektakuläre Eröffnungszeremonie mussten „abgearbeitet“ werden!

Die Inspektion des Spielsaals hatte der Herausforderer mit seinem Vater Hendrik und seinem Manager Espen Agdestein in einer geheimen Aktion bereits am Vortag erledigt, weshalb die Spieler erst beim „Players Meeting“ aufeinandertrafen. Einige Vertreter der FIDE und der All Indian Chess Federation waren anwesend, der Hauptschiedsrichter Ashot Vardapetyan (59) aus Armenien, sowie die Spieler und ihre Manager. Wir mussten einige Minuten auf Carlsen warten, der sich dann schließlich, mit verschlafenem Blick zwischen seinen Vater und seinen Manager setzte, ohne die weiteren Anwesenden zu begrüßen. Das Meeting selbst verlief schnell und unkompliziert. Danach bekamen wir hautnah mit, wie groß der Medienrummel für das Match war. Da Anand sich in den Wochen vor dem Wettkampf sogar in Indien rar gemacht hatte, war das Interesse für den lokalen Helden groß. Die vielen norwegischen Journalisten widmeten sich natürlich vor allem ihrem Liebling. Insgesamt drängelten sich etwa hundert Medienvertreter um die wenigen Plätze im kleinen Presseraum. Die Pressekonferenz wurde auf mehreren Fernsehstationen live ausgestrahlt, und Sie können sich auf der offiziellen Matchwebsite http://chennai2013.fide.com unter „Multimedia“ die Höhepunkte der Pressekonferenz noch einmal abrufen.

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Fotografenandrang auf der letzten Pressekonferenz
(Foto: © Eric van Reem)

PRESSE
Die Schachpresse in Indien: ein besonderes Thema. Das Match in Chennai war ein Highlight für das ganze Land, nicht nur für Schachspieler. Vor und während des Matches erschienen unzählige Artikel über die Spieler, die Sekundanten, die Familien, die Besucher, und ja, auch die Partien wurden abgedruckt. Leider hatten viele der Journalisten, die vor Ort waren, keine Ahnung vom Schach. Das Zauberwort der indischen Journalisten lautete „side-stories“ – Geschichten rund um das Match. Die Partien? Eher uninteressant. Eine Journalistin des Deccan Chronicle, die früher mal Schach gespielt hat und jetzt für die Wetternachrichten zuständig ist, wurde für einen Monat nach Chennai geschickt, um über das Match zu berichten!
Da Anand während des Matches weder vor noch nach den Partien Interviews gab, pflegten „Anands deutscher Teamchef Hans-Walter Schmitt und sein niederländischer Presseattaché Eric van Reem“ (Zitat Ulrich Stock – Die Zeit) die Kontakte mit der überwiegend indischen Presse. Anfangs war das noch recht lustig und nach einigen Fernsehinterviews wurden wir sogar auf der Straße angesprochen. Nachdem aber täglich die gleichen Fragen gestellt wurden („Was hat der Meister denn heute gefrühstückt und wann ist er ins Bett gegangen?“) war der Spaß doch schnell zu Ende. Als ich nach einem Besuch im Fitnessraum von vier Journalisten abgefangen wurde, die wissen wollten, ob Anand Marmelade oder Honig auf seinen Brötchen bevorzugt, stellten wir die „Interviews“ vorläufig ein, zumal die Ergebnisse voller Fehler und Ungenauigkeiten waren. Eine guter Vorschlag kam von der Zeitung The Indian Express: ich solle doch selber einige Gastbeiträge über das geheimnisvolle Treiben im Team Anand schreiben. Somit bekam ich die Gelegenheit das große Geheimnis zu lüften: Anand isst Pfannkuchen, Käse und Obst zum Frühstück!
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(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/13)