DAS GESICHT DES FERNSCHACHS

Fernschachspieler sind öffentlichkeitsscheu. Selbst von den Weltmeistern existieren kaum Fotos. Anders ist das bei Dr. Fritz Baumbach. Der langjährige Präsident des Deutschen Fernschachbundes (BdF) hat sein Spiel stets nach außen vertreten, hat es in alle Medien, sogar ins Fernsehen gebracht. Und er hat sich um die Geschichte seiner Leidenschaft bemüht, sie aufgeschrieben und mehrere Bücher darüber veröffentlicht. Mit KARL sprach der elfte Fernschach-Weltmeister über seine Erfolge und seine Champions-Kollegen, die er fast alle noch persönlich kennen gelernt hat.

VON HARRY SCHAACK

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/11)

 

baumbach
Dr. Fritz Baumbach (FOTO: Harry Schaack)

Fritz Baumbach ist Berliner. Ganz am Rande der Haupt­stadt, in Buch, hat er auf dem Gelände der ehema­ligen Robert-Rössle-Klinik schon seit über vierzig Jahren sein Büro. Nach seiner Promotion stieg der gelernte Chemiker in das Patentwesen ein. Eine glückliche Fügung, denn später profitierte er von der Einheit, weil sein Arbeitsgebiet mit dem Westen kompatibel war. Er könnte längst in Rente gehen, aber es macht ihm „immer noch ungeheuren Spaß, weil es ein bisschen wie Fernschach ist“, sagt der 76-Jährige. „Wenn die Behörde einem das Patent nicht geben will, muss man strategische Züge machen. Meine Aufgabe ist es, in der Argumentation des Patentamtes Löcher zu finden. Das ist ein geistiger Austausch in Form eines Schriftwechsels.“

Baumbachs Büro ist so etwas wie sein Wohnzimmer. Hier analysiert er seine Partien, mehrere Laptops stehen auf Tischen und Stühlen und durchforsten seine aktuellen Stellungen nach zündenden Ideen. Er spielt gerade die sechzehnte Olympiade, und vertritt Deutschland am ersten Brett. Während die siebzehnte Auflage, die auf dem Server gespielt wird, schon entschieden ist, steckt die sechzehnte noch in den Kinderschuhen. Baumbach mag die altmodische Korrespondenz per Postkarte lieber. Wegen der Langsamkeit ist dieser Modus heute selbst unter vielen Fernschachspielern als „Schnecken-Post“ verpönt. Doch so hat er es sein ganzes Leben lang getan. Per Email oder auf einem Server zu spielen, wie heute üblich, geht ihm zu schnell.

Seit er dreizehn ist, spielt Baumbach quasi ununterbrochen Fernschach. „Aber richtige Lust habe ich nicht mehr“, sagt er. Früher konnte er sich nicht vorstellen, jemals aufzuhören. Doch die „freundlichen Helfer“, die Computer, vergällen ihm die Freude zunehmend. Die Gegner sind mit ihrer guten Ausrüstung kaum noch zu be­zwingen. „Manche Leute denken tatsächlich, man müsse heutzutage nur noch den Zug machen, den der Rechner vorschlägt,“ erklärt Baumbach kopfschüttelnd. „Weit gefehlt! Ich bin richtig knauserig mit meiner Zeit geworden. Man muss eine Menge Arbeit investieren, um eine gewinn­trächtige Stellung zu erlangen. Früher hat die Spielstärke unmittelbar entschieden. Heute machen Schwächere keine offensichtlichen Fehler mehr.“

In seiner Karriere hat er schon einige Male darüber nachgedacht, sein Hobby an den Nagel zu hängen. Aber Erfolge wie der Sieg bei der 2008 zu Ende gegangenen dreizehnten Olympiade, wo er das beste Ergebnis am ersten Brett erreichte, motivierten ihn immer wieder. „Ich war froh, weiter gemacht zu haben. Im Moment bin ich nicht sicher, ob ich das nach der jetzigen Olympiade noch sagen kann.“

HORST RITTNER

Baumbachs Schachkarriere begann im Nahschach. Als er mit seiner Promotion begann, förderte ihn der DDR Schachverband. „1961 war ich so etwas wie ein Halbprofi. In fünf Jahren sollte ich IM werden, wollte aber auf meine Ausbildung nicht verzichten.“ Letztlich konnte er die Erwartungen nicht erfüllen. „Vielleicht habe ich zu wenig Zeit reingesteckt, vielleicht war auch das Talent nicht groß genug,“ meint er heute gelassen.

Damals war der sechste Fernschach-Weltmeister Horst Rittner sein Trainer, gegen den er schon mit vierzehn seine erste Fernpartie gespielt und verloren hatte. „Als Übungsmaterial legte er unserer Kadergruppe häufiger seine Fernpartien zur Analyse vor. Das war für unsere Weiter­entwicklung durchaus positiv. Und es war sicherlich auch für ihn nützlich.“

Baumbach hat alleine und gelegentlich im Klub ana­lysiert. Man hat ihn oft gefragt, wer ihm geholfen hat. Manche dachten an Uhlmann, „doch die täuschten sich,“ wehrt er energisch ab. „Denn der lebte in Dresden, ich in Berlin. Er spielte viele Turniere und war oft nicht da. Und außerdem hatte der bestimmt keine Lust, sich in meine Partien zu vertiefen.“

Sein Berliner Vereinskollege und Konkurrent Horst Rittner kam ebenfalls nicht in Frage. „Er war nicht der Typ, mit dem man gemeinsam analysiert,“ sagt Baumbach. „Rittner interessierte sich nur für seine eigenen Fernpartien.“

Der langjährige Redakteur der Zeitschrift Schach war kein allzu guter Nahschachspieler. Er hatte zwar dreimal an der DDR-Meisterschaft teilgenommen, gehörte aber nicht zur ersten Garde. „Ich war zwar auch kein Weltklassespieler,“ räumt FM Baumbach ein, „bin aber 1970 DDR-Meister geworden und spielte in der Olympia-Mannschaft in Siegen.“

Rittner konnte am Brett nicht mit anderen Champions mithalten, die allesamt starke Spieler waren. Seine Qualitäten kamen erst auf der langen Distanz voll zur Geltung. „Er hat sein Naturell im Fernschach vollkommen geändert,“ sagt Baum­bach mit einer gewissen Bewunderung. „Im Nahschach agierte er vorsichtig, fast ängstlich. Im Fernschach war er ein Löwe. Er spielte die aggressivsten und riskantesten Abspiele, weil er sie ausrechnen konnte. Ich kenne niemand, bei dem die Spielweise so weit auseinanderklafft.“

Obwohl Rittner viele Normen erspielte, das bärenstark besetzte Ragosin-Gedenkturnier souverän gewann und Weltmeister wurde, dachten viele Nahschachspieler in der DDR, Fernschach sei nur etwas für Leute aus der zweiten Reihe. „Insofern hat er den Ruf des Fernschachs geschädigt,“ sagt Baumbach und ergänzt: „Als ich nach meinem WM-Titel 1988 mein erstes Buch 52-54-Stop schrieb, wollte es der Sportverlag zunächst nicht veröffent­lichen, weil der Chefredakteur keine große Meinung vom Fernschach hatte.“

LETZTE DDR-MEDAILLE

Baumbachs Fernschachkarriere ist schillernd. Als er mit dreizehn eine Annonce in einer Zeitschrift las, die zum Fernschach auf­forderte, konnte er nicht ahnen, dass dies der Beginn einer lebenslangen Liebe werden würde. Einige ungewöhnliche Vorkommnisse machten ihn sogar be­rühmt. Am bekanntesten ist die Geschichte um die letzte Medaille, die er für die DDR holte. Das war 1995, als der Staat schon lange nicht mehr existierte. Eine Fernschach-Olympiade dauert etwa vier Jahre, doch die zehnte Auflage, die 1987 begann, brauchte acht. Nach 1990 zogen sich durch den Zusammenbruch des Postsystems in Russland einige Begegnungen in die Länge.

Seine letzte Partie spielte Baumbach gegen Karl-Heinz Maeder. Am Tag der Einheit schrieb er ihm: „Wir sind nun Landsleute!“ Und mit seiner Aufgabe gratulierte der Frankfurter mit den Worten: „Sie können stolz sein! Das war nach neun Jahren meine erste Niederlage.“ Baumbach musste drei weitere Jahre warten, bis die Russen das Turnier beendet hatten. Erst dann war der dritte Platz gesichert.

Dieser letzte Erfolg der DDR hat in Deutschland große Werbung fürs Schach gemacht. Ungezählte Zeitungen brachten Reportagen über das Ereignis. Gemeinsam mit seinem Team bekam Baumbach Einladungen vom Rundfunk, war bei Jauchs Stern TV, gab Radio- und Fernsehinterviews.

Die Bronzemedaille nahm das DDR-Team 1995 in Magdeburg unter ge­waltigem Medieninteresse entgegen. Dieser Anachronismus faszinierte auch Menschen, die nichts mit dem Fernschach zu tun hatten. Mehrere Fernsehstationen waren vor Ort, um das Ereignis zu dokumen­tieren. „Die Journalisten hätten am liebsten die DDR-Fahne gehisst und die Nationalhymne gespielt. Als wir wenige Jahre später Olympiasieger wurden, kam gerade mal ein regionaler Reporter,“ bemerkt Baumbach ironisch lächelnd.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/11)