DAS AVRO-TURNIER 1938

Wer nach dem am stärksten besetzten Turnier der Schachgeschichte sucht, kommt am AVRO-Turnier von 1938 nicht vorbei. Peter Anderberg schildert im folgenden Beitrag Vorgeschichte und Verlauf dieses Wettkampfes.

VON PETER ANDERBERG

(Der Artikel ist folgend auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/10)


Der Spielsaal während der 1. Runde am 6. 11. 1938
(Quelle: CHESS 1938)


GESUCHT WIRD: EIN HERAUSFORDERER
Dass der amtierende Schachweltmeister mehr oder weniger frei war in der Auswahl seines Herausforderers, war von der Schachwelt schon immer skeptisch beurteilt worden. Zu den Zielen des 1924 in Paris gegründeten Weltschachbundes FIDE gehörte die regelmäßige Durchführung der Titelkämpfe. Nachdem Max Euwe durch den Sieg gegen Aljechin den WM-Titel erobert hatte, erklärte er sich bereit, die WM-Kämpfe in Zukunft unter der Regie der FIDE stattfinden zu lassen. Auf der Generalversammlung der FIDE in Stockholm im August 1937 fand jedoch der holländische Vorschlag, den Herausforderer in einem von der holländischen Rundfunkgesellschaft AVRO („Algemeene Vereeniging Radio Omroep“) gesponserten doppelrundigen Turnier der acht geeignetsten Bewerber zu ermitteln, keine Mehrheit. Stattdessen bestimmte die Versammlung den Tschechoslowaken Salo Flohr zum Herausforderer mit der Maßgabe, dass dieser im Jahre 1940 (!) einen Wettkampf gegen den Gewinner des für den Herbst 1937 vorgesehenen Revanchekampfes Euwe - Aljechin spielen solle. Für viele überraschend, obsiegte Aljechin in diesem Rückkampf und erklärte, dass er Euwes Abmachungen mit der FIDE nicht als für sich bindend anerkenne. Vielmehr sei er bereit, „seinen“ Titel gegen jeden geeignet erscheinenden Herausforderer zu verteidigen, sofern dieser die geforderten finanziellen Mittel aufbringen könne. Aljechin trat tatsächlich in Verhandlungen mit Flohr ein, doch konnte der tschechoslowakische Schachverband die von Aljechin geforderte Börse nicht innerhalb der gesetzten Frist aufbringen. Das AVRO-Turnier war somit kein „offizielles“ Kandidatenturnier, der Vertrag zwischen Aljechin und der AVRO enthielt nur diese unverbindliche Klausel: „Dr. Aljechin erklärt sich bereit, einen Kampf um die Weltmeisterschaft gegen den Gewinner des ersten Preises unter Bedingungen und zu einer Zeit zu spielen, die später zu vereinbaren sein werden. Indessen behält sich Dr. Aljechin das Recht vor, zuerst gegen andere Meister um den Titel zu spielen.“

DAS „STÄRKSTE“ TURNIER ALLER ZEITEN?
Das vermochte aber die Bedeutung des Turniers nicht zu schmälern, zählt es doch bis heute zu einem der am besten besetzten Turniere aller Zeiten. An welchen objektiven Kritierien kann man nun die „Stärke“ eines Turniers festmachen? Die FIDE hat 1970 die Elo-Zahlen eingeführt, die Aufschluss über die Spielstärke der Teilnehmer eines Turniers geben. Für die Zeit davor hat es der Amerikaner Jeff Sonas unternommen, alle ihm zugänglichen Partieergebnisse auszuwerten und sogenannte „Historische Elo-Zahlen“ („chessmetrics“) berechnet. Nach seinen Ausführungen ist das AVRO-Turnier das einzige, an dem ausschließlich die zur Zeit des Turniers aktuellen Top 8-Spieler teilgenommen haben. Die nachträglich für November 1938 berechnete Rangliste sah wie folgt aus:
1. Michail Botwinnik (2763; 27 Jahre)
Der mehrmalige UdSSR-Meister hatte auch die Turniere in Moskau 1935 (gemeinsam mit Flohr) und Nottingham 1936 (geteilt mit Capablanca) gewonnen.
2. Alexander Aljechin (2754; 46 Jahre)
Seit dem überzeugenden Sieg im Revanchekampf gegen Euwe war Aljechin wieder der amtierende Weltmeister.
3. Sammy Reshevsky (2745; 26 Jahre)
Das einstige Schachwunderkind hatte sich mit dem Sieg in Margate 1935 (vor Capablanca) auf der europäischen Schachbühne zurückgemeldet, der amtierende US-Meister (1936 und 1938) gewann u. a. in Kemeri 1937 (zusammen mit Flohr und Petrow vor Aljechin, Keres und Fine).
4. Reuben Fine (2737; 24 Jahre)
Der mit einer Holländerin verheiratete US-Amerikaner hatte in den Jahren 1935 bis 1937 fünf hochkarätige Turniere für sich entschieden und galt als sehr schwer zu schlagen: er blieb in Nottingham 1936 und in Semmering/Baden 1937 ohne Niederlage.
5. José Raúl Capablanca (2732; 49 Jahre)
Der Ex-Weltmeister hoffte immer noch auf ein neues WM-Match mit Aljechin, gegen den er 1927 den Titel verloren hatte. 1936 triumphierte er in Moskau und in Nottingham (zusammen mit Botwinnik) vor stärkster Konkurrenz.
6. Salo Flohr (2727; 29 Jahre)
Einer der fleißigsten Turnierspieler der dreißiger Jahre, hatte zuvor u. a. die
Turniere von Moskau 1935, Podebrad 1936 und Kemeri 1937 gewonnen.
7. Paul Keres (2718; 22 Jahre)
Der junge Este rückte bei der Schach-Olympiade 1935 ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, war u. a. siegreich im Achterturnier in Semmering/Baden 1937.
8. Max Euwe (2716; 37 Jahre)
Der andere Ex-Weltmeister schließlich beschloss die Top 8-Rangliste.


Der AVRO-Präsident macht den Eröffnungszug
(Quelle: CHESS 1938)

DAS TURNIER BEGINNT
Der Eröffnungszeremonie im Amsterdamer Amstel-Hotel am 4. November 1938 wohnten zahlreiche Schachjournalisten bei, unter ihnen der 30-jährige Emil Joseph Diemer, der seine Eindrücke in einem Turnierbuch mit dem Untertitel „Wie ich den AVRO-Schachkampf miterlebte“ festhielt. Schauplatz des Turniers war nicht allein Amsterdam. Die vierzehn Runden wurden in zehn verschiedenen holländischen Städten ausgetragen. Die Anreise nach Groningen erfolgte sogar per Flugzeug. Da die Hängepartien in Amsterdam gespielt wurden, mussten die Spieler nach beinahe jeder Partie abends wieder zurück. Botwinnik schrieb dazu in seinen Erinnerungen: „Man schickte uns durch das ganze Land! Anstatt zu Mittag zu essen, waren wir vor dem Spiel zwei Stunden auf der Bahn. Wir spielten hungrig. Vor allem die älteren Teilnehmer – Capablanca und Aljechin – ertrugen die Anstrengungen nicht. Als man nach Amsterdam zurückkehrte, wurden den Teilnehmern im Zug nur Butterbrote gereicht.“ Gänzlich anders die Beurteilung von Reuben Fine, der Botwinniks Schilderung durch die Enttäuschung über sein Abschneiden motiviert sieht: „... er frisierte sich ein Alibi, indem er die Mär verbreitete, daß die Sowjetmeister an Spieltagen nichts zu essen erhielten und daß ihn das ausgedehnte Reisen (in den Niederlanden!) allzu sehr ermüdet hätte. Die Entfernungen in den Niederlanden sind so klein, daß sie bei den großen Metropolen der Welt unter den Begriff Vorortverkehr fallen würden.“ Aljechin erklärte jedenfalls kategorisch, nie wieder unter derartigen Bedingungen ein Turnier oder einen WM-Kampf zu spielen.


(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 4/10)