KEINE KAMERADEN

Der Treibstoff der Schachpublizistik ist Rivalität in Worten und Taten. Nur Partien wäre ja langweilig.

Von Stefan Löffler


Nahezu bis zur letzten Minute ließ Alexander Aljechin die Veranstalter des Deutschen Schachkongresses 1914 in Mannheim im Ungewissen, ob er überhaupt käme. Erst zwei Stunden vor der ersten Runde meldete der 21jährige Russe sein Erscheinen. Später gestand er seinem Landsmann Romanowski, welche Absicht dahinter steckte. Er habe sicher gehen wollen, dass Capablanca nicht mitspielt. Wäre er nämlich unter den Teilnehmern, wollte Aljechin nicht antreten. Er betrachtete Capablanca bereits als seinen direkten künftigen Rivalen um die Weltmeisterschaft. Um ihrem Zweikampf, den Aljechin schon kommen sah, in der öffentlichen Meinung keine Steine in den Weg zu legen, wollte er auf keinen Fall in Mannheim gegen den ihm zu diesem Zeitpunkt noch zweifellos überlegenen Kubaner verlieren und das Turnier hinter ihm abschließen.

Dreizehn Jahre später, 1927 in Buenos Aires kämpften Aljechin und Capablanca tatsächlich um die Weltmeisterschaft. Zu den erbitterten Rivalen, als die sie die Nachwelt in Erinnerung behält, wurden die beiden aber erst nach dem sich über 34 Partien hinziehenden Match. Vordergründig, weil sich Aljechin, nachdem er Capablanca geschlagen hatte, dessen Forderung verweigerte, künftige WM-Kämpfe auf eine Höchstzahl von Partien zu begrenzen. Bald darauf bot der neue Weltmeister anderen Herausforderern eigene Bedingungen und niedrigere Hürden: Während er von Capablanca forderte, für eine Revanche 10 000 Golddollar aufzutreiben, gab er sich bei Bogoljubow und Euwe mit weniger zufrieden.

In aller Öffentlichkeit ausgetragene Feindschaften zwischen den führenden Köpfen des Schachs hatte es auch früher schon gegeben (über die Auseinandersetzungen zwischen Steinitz und Zukertort, zwischen Lasker und Tarrasch findet sich an anderer Stelle in dieser Ausgabe mehr), doch Aljechin und Capablanca erreichten eine bislang ungekanntes Maß an Aufmerksamkeit. Sie beschränkte sich nicht auf in ein oder zwei Länder, sondern überall in der Welt, wo Schach gespielt und darüber geschrieben wurde, sorgte die Fehde der beiden bis weit in die 1930er Jahre besten und damit für ein neuerliches Titelduell prädestinierten Spieler für Gesprächsstoff. Jedes Detail ihrer sich rasch verschlechternden Beziehung schien es wert, dokumentiert zu werden.

Als Aljechin als Reporter der New York Times beim Turnier 1929 in Karlsbad weilt und sich wie sonst nur Spieler und Schiedsrichter frei hinter der Absperrung bewegen darf, protestiert Capablanca vergeblich. Bei der Schacholympiade 1930 in Hamburg, wo Aljechin für Frankreich spielt und Capablanca der Zuschauer ist, tut dieser alles, um eine Begegnung zu vermeiden. Für seine Teilnahme in San Remo handelt Aljechin für sich ein Starthonorar von 20 000 Lire aus, aber doppelt so viel, falls Capablanca spielt – natürlich wird der Kubaner nicht eingeladen.

Savielly Tartakower schreibt in seiner blumigen Art, die Welt sei zu klein für solche Giganten, zwischen denen am besten nicht nur Kontinente sondern auch Jahrhunderte liegen sollten. Doch nicht nur die Schachpublizistik walzt die Details dieser Feindschaft dankbar aus. Dass die beiden Antipoden kein Wort miteinander wechseln, lässt sich damals auch der Weltpresse entnehmen. Als sie beim AVRO-Turnier 1938 nochmals gegeneinander spielen, wartet Capablanca einen Moment ab, in dem Aljechin nicht am Brett ist, um den Schiedsrichter zu rufen. Dieser geht zu Aljechin, flüstert ihm etwas zu, ein Nicken und einige Schritte später steht ein Schild mit der Aufschrift „Remis“ auf dem Tisch. Ein Jahr später bei der Schacholympiade in Buenos Aires nimmt Capablanca am Tag, als Kuba auf Frankreich trifft, eine Auszeit. Aljechin ist außer sich. Bei dieser, ihrer letzten Begegnung ist längst klar, dass der von so vielen geforderte und erhoffte Revanchekampf nicht mehr zustande kommt.


Botwinnik - Smyslow, WM Moskau 1954

Der nächste Weltmeister hat sich gleich eine ganze Generation sportlicher Konkurrenten zu Feinden gemacht. Zwar war der Titel nach Aljechins Tod in die Hände des Weltschachbundes FIDE gefallen, doch die Regeln, unter denen er in Zukunft vergeben wurde, hat maßgeblich der 1948 in einem Fünfkampf siegreiche Michail Botwinnik diktiert. Von seinen fünf regulären WM-Zweikämpfen gewann er keinen einzigen. Unentschiedene Matche und Siege in den umstrittenen Rückkämpfen genügten dem „Patriarchen“, um mit kurzen Unterbrechungen fünfzehn Jahre lang Weltmeister zu bleiben. Weil diejenigen, die in erster Linie durch seine Machenschaften benachteiligt wurden, ebenso wie er Sowjetbürger waren, wurden etwa Paul Keres oder David Bronstein nicht die gleiche weltweite Anteilnahme zuteil wie eine Generation zuvor Jose Raul Capablanca, zumal unter den Bedingungen der sowjetischen Zensur wenig ans Licht kam, was allenfalls zur Bildung der Legenden beitrug, dass sie zur Niederlage gegen Botwinnik gezwungen worden seien.

Weniger verbreitet hat sich, dass auch dessen schärfster Rivale, Wassili Smyslow, politische Beziehungen zu knüpfen und für sich einzusetzen verstand. Diese Gemeinsamkeit ist wohl einer der Gründe, warum sich die beiden später versöhnten und die besten Freunde wurden. Ihre Datschen standen in nächster Nähe, schrieb Gennadi Sosonko einmal, und Hand in Hand gingen Botwinnik und Smyslow im Alter durch die Natur spazieren und redeten über die gute alte Zeit und die Jugend, die allein noch Geld im Kopf hat.

Die Rivalitäten zwischen Weltmeistern und Herausforderern, die von den Medien in aller Welt wieder begierig aufgegriffen wurden, brachten zwei neue Aspekte ins Spiel: Sie ließen sich als Stellvertreterkriege ausschlachten, und sie führten in Abgründe von Paranoia. Bobby Fischer und Boris Spasski mögen 1972 in Reykjavik den Kalten Krieg der Supermächte aufs Schachbrett übertragen haben. Persönlich aber hatte Fischer nichts gegen Spasski. Der Haß des Amerikaners richtete sich gegen die sowjetische Schachmaschinerie, und sein Kleinkrieg um Kameras und vermeintliche Sender in den Stühlen trug mindestens so sehr die Züge eines ironischen Spiels wie tatsächlichen Verfolgungswahns.


Anatoli Karpow
(Foto: Harry Schaack)

Viktor Kortschnoi wurde, indem er sich 1976 aus der UdSSR absetzte, zum Dissidenten verklärt, obwohl es ihm allein um seine persönliche Freiheit ging. Aber schließlich nahm er es mit dem regimetreuen Anatoli Karpow auf. Ihre Rivalität war trotz des Altersunterschieds von zwanzig Jahren echt und tief empfunden. Freilich prallten da zwei Charaktere aufeinander, die ohnehin zur Auseinandersetzung neigen. Während Karpow eher berechnend agiert, neigt Kortschnoi zum emotionalen Ausbruch. Aber die beiden haben auch viel gemein: ein enormes Ego und einen scharfen Sinn für Spitzen und Beleidigungen, beide sind abergläubisch, Selbstkritik kennen sie höchstens im Nachhinein, im hier und jetzt lassen sie keinen Einwand gelten, und zumindest unter Spielerkollegen hat keiner von ihnen einen echten Freund. All diese Punkte treffen auch auf Garri Kasparow zu. Auch er ist, wenn man so will, ein geborener Rivale.


Garri Kasparow
(Foto: Harry Schaack)

Mitte der 1980er Jahre zog die Rivalität zwischen Karpow und Kasparow in der UdSSR weite Kreise. Beide sicherten sich die Gunst wichtiger Entscheidungsträger, um ihre Positionen besser durchzusetzen. Nach dem Abbruch ihres ersten WM-Kampfs im Februar 1985 schienen sie einander spinnefeind. Monate später bei der Mannschafts-WM in Luzern wirkten die beiden wie gute Freunde, als sie halbe Nächte in ihren Hotelzimmern miteinander Karten spielten. So hatten die sowjetische Presse, die sie nach den immer noch geltenden Sprachregelungen der Zeit vor Glasnost als „Kameraden“ darstellte, damit vielleicht gar nicht so unrecht. Eigentlich waren ihre Interessen gar nicht mehr so weit auseinander. Ihr nächstes Match wollten beide frühestens neun Monate später bestreiten. Und danach möglich bald den nächsten Titelkampf für harte Währung im Westen. Auch in der ein Jahr darauf gegründeten Spielervertretung GMA zogen beide zunächst an einem Strang.

Kenner der Szene hatten in den späten 1980er Jahren mitunter den Eindruck, dass Kasparow die Unterschiede zwischen sich und Karpow überzeichnete, um sich als Kind des Wandels, als Symbol der Perestroika zu verkaufen. Auch Karpow begriff, dass ihr Duell nicht mehr nur auf dem Brett und allenfalls noch in den Hinterzimmern der Macht ausgetragen wurde. Als auf der Eröffnungsparty der ersten WM-Hälfte 1986 in London nach den Reden Musik einsetzte, betrat er mit einer attraktiven jungen Frau als erster die Tanzfläche. Es war ein exzellenter Zug gegen sein Image als grauer Apparatschik, der noch der alten Zeit anhinge.

Die Inszenierung von Rivalität begann, an Bedeutung zu verlieren. Als Nigel Short, nachdem er sich 1993 als Herausforderer qualifiziert hatte, gegen Kasparows Benehmen am Brett und die Beziehungen des Titelverteidigers zum KGB vom Leder zog, wertete es die englische Presse als allzu offensichtlichen Versuch, das Interesse an dem bevorstehenden Zweikampf anzufeuern. Hatten sich in früheren Jahren Fischer und Kortschnoi bei ihren WM-Auftritten noch als Querulanten produziert, denen auch deshalb die Sympathien der Reporter galten, weil es ihnen Stoff für Storys brachte, so war nun auch im Spitzenschach das Zeitalter der Public Relations angebrochen. Sponsoren wollen nicht Publizität, wenn es um den Preis von Skandalen ist. Die Stars von heute sollen kontrolliert auftreten, nicht ganz langweilig sein und im Fall des Falles auch gute Verlierer – aber sicher nicht streitlustig.

Hein Donner (1927-1988) war ein Original. Einen wie ihn wird die Schachszene wohl nie wieder sehen. Unangepasst. Ständig auf Kollisionskurs. Bei der Schacholympiade 1952 in Helsinki bat er, gegen die UdSSR pausieren zu dürfen. Als der Wettkampf lief, stellte sich Donner neben die Bretter und zog Grimassen. Nicht etwa um die sowjetischen Großmeister zu stören, sondern die eigenen Mitspieler bedachte er mit Kopfschütteln, nach oben verdrehten Augen oder vor Entsetzen offenem Mund, schildert Alexander Müninghoff in seiner Donner-Biografie. Und vor Spielern anderer Nationen habe er über das schlechte Schach seiner Teamkollegen gewettert.

Auf einen hatte es Donner schon in Helsinki besonders abgesehen: Lodewijk Prins. Jahre später schreibt er in einer seiner Schachkolumnen über ihn: „Ich habe mich oft gefragt, worin liegt eigentlich die Kraft von Lodewijk? Er spielt eine schrecklich krumme Art Schach, aber sicher nicht erfolglos. Käme es im Schach auf korrektes Spiel und ein richtiges Urteil an, gewönne er niemals eine Partie. Was hat er, was ihm, schachtechnisch gesprochen, den Kopf über dem Wasser hält? Ich habe langsam begonnen es zu begreifen: es ist unverbesserlicher Optimismus. Wenn er schlecht steht, weiß er es nicht und verliert keine Kraft damit, sich die Sorgen zu machen, die sich ein wissenderer Spieler an seiner Stelle machen würde. Ist die Stellung völlig remis, dann wird er nicht behindert durch die Mutlosigkeit des Kenners, der weiß, dass er nichts erreichen kann, wenn der Gegner nicht hilft.“

Nachdem Prins 1965 den Stichkampf gegen Zuidema um die Niederländische Meisterschaft gewonnen hat, setzt Donner, der wegen eines Großmeisterturniers im Ausland gefehlt hatte, nach: „Prins war in seinem Element. Er konnte sich alles erlauben. Seine verwunderlichen Manöver wurden nicht bestraft. Der größte Unsinn hatte Erfolg. Er darf sich nun Meister der Niederlande nennen. Es ist schon traurig, dass ein Spieler von diesem Niveau nun offiziell als stärkster niederländischer Schachspieler gelten soll. Welchen Eindruck soll das im Ausland machen?“

Als Max Euwe zu Prins Verteidigung anführte, dieser zähle schon seit Jahren zu den Stärksten des Landes zähle, kontert Donner: „Das ist nicht wahr, grand maitre. Er kann es nicht. Er ist der schwächste Spieler der ganzen Welt. In einem Match von zehn Partien gebe ich ihm vier Punkte vor.“ Kurz darauf nutzt er seine Schachrubrik, um Prins tatsächlich zu einem Zweikampf herauszufordern: „Lieber Lodewijk...ich bin der Meinung, dass du einen Springer nicht von einem Läufer unterscheiden kannst, und ich kann es auch beweisen.“ Natürlich ignorierte der Geschmähte die Herausforderung. In seiner eigenen Schachecke strafte Prins seinen Lästerer mit Missachtung. Auch einigen Lesern war das Lachen vergangen. Kannte Donner denn kein anderes Thema, als auf einem Mann, der ihm weder als Spieler noch als Schreiber gewachsen war, herumzuhacken?

Zu provozieren war für Donner ein Sport. Und er hat sich gewundert, dass die anderen nicht mitmachten. Immerhin haben die Redaktionen lange Zeit mitgemacht. Denn neben Humor hatten Donners Schachkolumnen auch Aufmerksamkeit. Viele Jahre später erreichte die Fehde eine groteske Wendung. Nachdem in Radio und Fernsehen die Stimme des Entführers des Supermarktkettenerben Gerrit Jan Hein vorgespielt wurde, schrieb Donner in seiner Kolumne, er habe deutlich die Stimme von Lodewijk Prins wiedererkannt. Als er hörte, dass die Polizei seinem Hinweis nachging, soll er vor Lachen fast aus dem Bett gefallen sein.

Ein bisschen etwas von Donners Lust an der Provokation hat in der Niederlande überlebt. In den Schachkolumnen, wie sie vor allem Hans Ree schreibt. Oder in den kleinen Fehden, die innerhalb der Nationalmannschaft schwelen. Genauer gesagt rund um Loek van Wely. Jan Timman hatte einige Jahre bei der Schacholympiade ausgesetzt, weil er mit dem jungen Tilburger und dessen Anspruch auf das Spitzenbrett nicht zurecht kam. Einige Kraftsprüche in der Zeitung und einige für beide Spieler lukrative Matchpartien später ist die Sache mehr oder minder abgehakt.


Loek van Wely
(Foto: Harry Schaack)

Inzwischen gibt es eine neue Front: Van Welys Art, Schach zu spielen, findet Ivan Sokolov nicht zum Anschauen. Die Geringschätzung beruhe auf Gegenseitigkeit, teilt Van Wely mit. Dabei müssen sie jede Saison gleich mehrmals ihre Hackordnung bestimmen. Sie spielen nicht nur im Nationalteam zusammen sondern auch beim Deutschen Meister SG Porz und bis vorige Saison auch beim Niederländischen Meister Panfox Breda. Spätestens bei der übrigens ausgezeichnet dotierten Niederländischen Einzelmeisterschaft kommt es Jahr für Jahr zum direkten Showdown am Brett. KARL bat beide um ein Interview über ihre Rivalität mit der Vorgabe, keine persönlichen Beleidigungen abzudrucken. Nach etwas Bedenkzeit sagte Sokolov ab, „weil dieses Thema nicht ohne persönliche Beleidigungen abgehen wird, fürchte ich“.

Als Tony Miles vor drei Jahren im Alter von nur 46 Jahren starb, stach unter den Nachrufen einer heraus. Dass Nigel Short nicht zu seinen Freunden gehört hatte, war kein Geheimnis. Seine Erwähnung im Sunday Telegraph, dass er vor Jahren mit der damaligen Freundin von Miles geschlafen habe, überraschte doch – und löste eine Debatte auf Chesscafe.com aus. Shorts völliger Mangel an Taktgefühl habe ihn entsetzt, teilt der Herausgeber der Website, Hanon Russell, dazu mit.

Die Kolumne im Sunday Telegraph war aber noch nicht der letzte Streich. Der folgte gut eineinhalb Jahre später nach Erscheinen von „It´s Only Me“, einer Anthologie von Miles´ besten Artikeln. Short besprach sie nach eigenen Worten als „mäßig positiv“ und nutzte den Anlass, um auf ein Versäumnis des Buches hinzuweisen: Mit keiner Silbe sei da erwähnt, dass Miles wiederholt in psychischer Behandlung war.

Es klang wie ein Tritt gegen jemand, der sich nicht mehr wehren kann. Aber es

sollte ein Tritt gegen jene Freunde von Miles sein, die sein Gedenken verwalten und für das Buch eine Stelle auswählten, in der sich Miles über den jungen Short lustig machte: „Aus den Partien, die ich gegen ihn verlor, als er noch in den Windeln steckte, habe ich keine psychologischen Wunden zurück behalten – aus dem simplen Grund, dass ich mich nicht an sie erinnern kann.“ Kann diese Stelle, in der es um ihre ersten Partien vor mehr als 25 Jahren geht, ihn wirklich noch ärgern, zumal damals nicht der gestandene Großmeister Miles sondern der Teenager Short gewann? Hinter der Buchkritik und der berichteten Episode mit der Freundin des Rivalen steckt wohl nichts anderes als ein Racheakt. Auf dem Brett war es dafür zu spät.