LIEBE LESER,

als Wilhelm Steinitz im letzten Jahrhundert seine revolutionäre Positionslehre präsentierte, wurde er belächelt. Scharfe Angriffspartien mit vielen Opfern und taktischen Wirren, das wollten Publikum und Akteure sehen. Aber in seinen Analysen entlarvte Steinitz viele Erfolge der Angreifer als Schwäche der Verteidiger. Mittlerweile sind seine Ansichten Gemeingut, aber richtig populär war das Verteidigen nie. Und obwohl sich doch jeder Schachspieler schon einmal in der Defensive befand, gibt es nach wie vor erstaunlich wenig Publikationen zum Thema.

Deshalb widmet sich der Schwerpunkt der aktuellen KARL-Ausgabe der "noblen Kunst der Verteidigung". So werfen wir zusammen mit Colin Crouch und seinem Buch How to Defend in Chess einen Blick auf den Defensivstil von Lasker und Petrosjan, zweien der größten Verteidigungskünstler der Schachgeschichte. Von Lasker kann man lernen, wie man sich aktiv verteidigt und in bedrängten Stellungen Gegenspiel entwickelt, von Petrosjan kann man lernen, wie man prophylaktisch denkt und spielt.

Wie sich die Verteidigung in der Praxis darstellt, zeigt der Münchner Großmeister Gerald Hertneck. Er verteidigte sich schon immer gern und präsentiert aus seiner reichen Praxis instruktive Beispiele.Frank Zeller ist Spezialist auf anderem Gebiet. Seine Liebe gilt dem Igel, einem zurückhaltend-flexiblen Eröffnungssystem mit viel aktivem Potential. Was diese Struktur so spannend macht und wie er seine Leidenschaft dafür entdeckte, verrät er dem Leser auf S. 34

Aber nicht nur auf dem Brett, sondern auch im Kopf kann man in die Defensive geraten. Was dagegen zu tun ist verrät Stefan Kindermann. Er zeigt, wie und warum beim Spiel gegen stärkere Gegner Blockaden entstehen können, und gibt Tipps, was man vor und nach der Partie tun sollte, um so gut zu spielen, wie man kann.
Manchmal befindet sich eine ganze Mannschaft in der Defensive. So wie der SV Hofheim, der in der 1. Bundesliga gegen den Abstieg kämpft. Stefan Buchal berichtet, wie es ist, in einer weitgehend von Amateuren besetzten Mannschaft von Beginn an mit dem Rücken zur Wand zu stehen.

Liviu-Dieter Nisipeanu, der bei der FIDE-WM in Las Vegas 1999 Iwantschuk und Schirow aus dem Rennen warf und erst im Halbfinale scheiterte, stellt seine Lieblingspartie vor. Ein Sieg gegen Volkow voller ungewöhnlicher Opfer
Im Porträt lässt Viswanathan Anand, die Nummer drei der Weltrangliste, seine Laufbahn Revue passieren. Er erinnert sich an seine Anfänge in Indien und auf den Phillippinen, erklärt, was es mit seinem schnellen Spiel auf sich hat, und spricht über seinen entspannten Umgang mit Niederlagen.
Mit Vladimir Nabokov erinnern Ernst Strouhal und Michael Ehn an einen großen Autor, dessen Beziehung zum Schach weniger bekannt ist. Dabei war Nabokov leidenschaftlicher Problemlöser und Komponist und hat sogar ein Buch mit Schachproblemen und Gedichten verfasst.

Wer kurz vor Weihnachten noch keine Geschenke hat, kann sich vielleicht in unserem dieses Mal besonders üppigen Kritikenteil noch die eine oder andere Anregung holen. Oder er greift gleich auf unser Weihnachtssonderangebot zurück und besorgt sich alle zehn bislang erschienenen KARL-Ausgaben zum Sonderpreis. 660 Seiten Schachkultur für nur 42,00 Euro. Abonnieren geht natürlich immer.

Harry Schaack