TOD DURCH REMIS?! TOD DEM REMIS!

Zur Frühgeschichte der Diskussion um den „Remistod“

VON MICHAEL EHN

Lasker
Remistod-Prophet Emanuel Lasker
(FOTO: Archiv Michael Ehn)


(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text (mit der hier fehlenden Literaturangabe) lesen Sie in KARL 3/14)

 

1. EIN PESSIMISTISCHER OPTIMIST

Nachdem Weltmeister Emanuel Lasker Anfang 1910 den wohl härtesten WM-Kampf seiner Karriere gegen den Wiener Carl Schlechter unentschieden halten konnte (s. Anm. 1), schrieb er, noch ganz unter dem Eindruck der aufregenden Ereignisse stehend, in seiner Schachkolumne in der Zeitschrift Ost und West:

„Es ist das augenscheinliche Schicksal des Schachspieles, schließlich an seiner Vervollkommnung zugrunde zu gehen. Wenn jeder Irrtum ausgeschaltet sein wird, wird die Schachpartie aus einer geringen Anzahl von Remisvarianten bestehen, und der Schachmeister wird zu einem Automaten herabsinken, dessen einzige Aufgabe es sein wird, diese Varianten zu beherrschen. Von jenem Zeitpunkt trennen uns noch fünfhundert oder tausend Jahre. Von Zeit zu Zeit wird man die Regeln des Spieles ein ganz klein wenig ändern; zuerst wird man wohl das Patt aufheben, danach die Anfangsstellung der Figuren verändern, aber der menschliche Intellekt wird trotz aller solcher Maßnahmen das Schach überwinden und schließlich töten. Der Gedanke wäre schmerzlich, dächten wir nicht auch, dass das Schachspiel bis dahin der Menschheit viele Dienste geleistet und sich damit eine unvergängliche Erinnerung gesichert haben wird.“ (Lasker 1910, S. 171 f.)

Und zum Wettkampf mit dem „Remisenmeister“ Schlechter, über den er schon während des Wettkampfs bekennen musste, dass er keine Schwächen bei ihm finde:

„Zwei der Vollendung ziemlich nahe Meister werden einen großen Prozentsatz ihrer Partien unentschieden machen. Das ist so klar, als der grundlegende Satz der Steinitzschen Schachtheorie, dass das Ergebnis einer absolut korrekt gespielten Partie weder der Gewinn des Weißen noch der des Schwarzen sein kann. […] Die Partien des eben beendeten Wettkampfes sind die erste Etappe auf dem langen Weg jenes Prozesses, der mit dem Remistod des Schachspiels enden wird.“ (Lasker 1910, S. 171 f.)

Damit tauchte zum ersten Mal, fast zehn Jahre bevor sich Capablanca der Sache annahm, dieser ominöse Begriff auf, der als Thema den weiteren Verlauf der Schachgeschichte bis zum heutigen Tag prägt. Es waren neue pessimistische Töne, die der sonst so optimistische Lasker, ein Verehrer des Gesunden und Kräftigen, hier an­schlug und so ein düsteres Bild der zukünftigen Entwicklung des Schachs zeichnete.

Fast so alt wie das Schachspiel ist wahrscheinlich auch die Angst vor dem inhaltsleeren Remis (s. Anm. 2). Doch erst mit Verwissenschaftlichung des Schachspiels durch Wilhelm Steinitz und seine Nachfolger gewann diese Perspektive eine neue Qualität. Durch die Entzauberung und Mechanisierung des Spiels schien es möglich, auch die letzten Geheimnisse des Schachspiels zu lösen. Das romantische Schach, in dem das individuelle Genie zählte, war einer Wissenschaft gewichen, die erlernbar schien; Steinitz und vor allem Tarrasch hatten dem Schachspieler Rezepte und Regeln für die Gestaltung der Partie in die Hand gegeben, die selbst ein Amateur verstehen, erlernen und befolgen konnte.

Aber erst in den letzten Kriegsjahren des Ersten Weltkriegs wuchs dieser kulturpessimistische Gedanke zu einer Theorie, die das Schachspiel zu bedrohen schien. Kein Zufall, dass parallel dazu auch Max Weber in seinem Vortrag „Wissenschaft und Beruf“ 1917 erstmals von der „Entzauberung der Welt“ spricht. Auch der unsägliche Franz Gutmayer hatte Vorarbeit geleistet, wenn auch mit ganz anderen, verheerenden Schlussfolgerungen, die ihn zum Antisemitismus führten. In seinen zahlreichen Büchern diffamierte und destruierte er alle Leistungen und Errungenschaften der Moderne im Schach. Gutmayers Schlussfolgerungen: Die Moderne im Schach ist eine Periode des Niedergangs und führend an ihrer Spitze stehen jüdische Meister. Sie sind Dekadente, die das „Totsitzen“ des Gegners zum System erhoben haben, ihr Stil produziere langweilige Remisen, sie haben aus der schönen Kunst einen Beruf, eine schnöde Einnahmequelle gemacht.(s. Anm. 3)

Zunächst blieben Laskers Hypothesen einer breiteren Schachöffentlichkeit verborgen. Doch im Spätherbst 1917 äußerte Lasker anlässlich einer Simultantournee durch Ungarn noch einmal seine Befürchtungen. Nun schlug er vor, der fatalen Entwicklung zum Remistod zu entgehen, die nun seiner Meinung nach schon in fünfzig Jahren drohe, indem man ein verfeinertes Wertungssystem anwende: Schachmatt sollte zehn Punkte zählen, patt setzen acht, roi dépouillé machen (der mittelalterliche Beraubungssieg) sechs, remis fünf, roi dépouillé erleiden vier, Patt erleiden zwei, Matt erleiden null. Außerdem sollte die Rochade abgeschafft werden, damit Königsangriffe wieder wirksamer würden.

Capablanca
Remistod-Prophet José Raúl Capablanca
(FOTO: Archiv Michael Ehn)


Nach seinem verlorenen WM-Kampf gegen Capablanca 1921 setzte er sich im Buch über den Wettkampf (1922) ausführlich mit dem Remistod auseinander, und diesmal wurde eine breite Schachöffentlichkeit auf das neue Thema aufmerksam:

„Das Schachspiel geht seiner Vollkommenheit entgegen. Die Ungewiss­heit und das Spielerische verschwinden daraus. Man weiß heute sehr viel, man braucht also nicht mehr zu raten wie wir älteren Meister in unserer Jugendzeit noch mussten. Das ist vielleicht schade, denn das Wissen ist der Tod.“ (Lasker 1922, S. 8)

Lasker nahm sich im Gegensatz zu seinem Gegner bewusst von dieser Entwicklung aus und leitete davon auch einen der Gründe für seine Niederlage her:

"Auch wollte ich den raschen Fortschritt nicht unterstützen, denn dieser rasche Fortschritt bedrohte das Leben des Spiels. Ich sah Schach den Reiz des Abenteuers und des Spielerischen verlieren, ich sah, wie sein Problem mehr und mehr zur Gewissheit wurde, wie das Spiel daher zur Mechanisierung, zum Gedächtnisstoff herabsank, und ich bedauerte den schleunigen Fortschritt dieser Entwicklung, der mir unnötig schnell schien. […] Capablanca scheint diesen automatischen Stil zu verkörpern.“ (Lasker 1922, S. 32)

Und wieder endet er pessimistisch: „Freilich wird Schach nicht lange Zeit mehr problematisch bleiben. Dem alten Spiel naht seine Schicksalsstunde. Schach in seiner gegenwärtigen Gestalt wird bald den Tod des Remis erleiden. Der Sieg der Gewissheit und des Mechanismus, der unausbleiblich ist, wird das Schicksal des Spiels besiegeln. Dann muss man neue Regeln erfinden, etwa, die Anfangsstellung ändern und die Nuancen des Gewinnens und Verlierens mannigfaltiger machen, um neue Schwierigkeiten und also neue Geheimnisse zu schaffen: denn man darf das alte Spiel nicht sterben lassen.“ (Lasker 1922, S. 32 f.)

Ein Damoklesschwert schien mit einem Mal über dem Schachspiel zu schweben. Aber würde dieser Prozess bis zum Tod des Schachspiels tausend, fünfhundert, fünfzig Jahre oder noch viel kürzer dauern?

 

ANMERKUNGEN

1 In dem auf nur zehn Partien angesetzten WM-Kampf führte der Wiener nach dem Gewinn der fünften Begegnung bis zur Schlussrunde bei acht Remisen. In der zehnten Partie verpasste der Herausforderer zunächst einen Gewinnweg, später das Remis und verlor schließlich. Der Wettkampf endete unentschieden, Lasker behielt die WM-Krone.
2 So wurden beim Pariser Turnier 1867 Remisen nicht gezählt, in London 1883 musste jede Remispartie wiederholt werden, in Monte Carlo 1901 und 1902 zählte die Remispartie nur ¼ Punkt und musste wiederholt werden. Die Wieder­holungspartie zählte, wenn sie wieder unentschieden wurde, ¼ Punkt, im Fall eines Gewinns nur ½ Punkt.
3 Gutmayer differenziert bereits 1916 zwischen einem mutigen arischen und einem feigen
jüdischen Stil: „Der erste: Wille zur Macht und Übermacht mit der Tendenz, das feindliche Spiel zu zerschlagen. Der andere: Wille zum koscheren Geschäft mit der Tendenz, jedenfalls sicher zu gehen. Kein Risiko, lieber zehnmal ein ekelhaftes feiges Remis. Daher nur machen, was man genau sieht. Horizont: Die eigene krumme Nase. Pers­pektive: Ein fettes Honorar.“ (Gutmayer 1916, S. 9)

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text (mit der hier fehlenden Literaturangabe) lesen Sie in KARL 3/14)