LIEBE KARL-LESER,

eins steht fest: Das Remis hat keinen guten Ruf. Obwohl das Unentschieden ein häufiges Resultat ist, finden sich in The World Greatest Chess Games (2010) unter den 125 Beispielen lediglich zwei Remispartien: Fischer – Tal, Leipzig 1960 und Topalow – Kramnik, Dortmund 1996. (s. S. 47). Dabei zeigen gerade diese beiden Partien, dass ein friedliches Ende keinesfalls langweilig sein muss.

1834 spielten der Franzose La Bourdonnais und der Ire McDonnell in der ersten inoffiziellen Weltmeisterschaft eine Matchserie über 85 Partien. Tatsächlich gab es dabei nur 13 bis zum Ende ausgekämpfte Punkteteilungen (15%). Bei den ersten Turnieren Mitte des 19. Jahrhunderts akzeptierte man das Unentschieden allenfalls als Zwischenergebnis, das eine Entscheidung lediglich vertagte. Die Partien wurden so lange wiederholt, bis ein Sieger ermittelt war. Nicht einmal in der Tabelle fanden diese halben Punkte sichtbaren Niederschlag – als seien diese Remisen nie gespielt worden.

Doch das Unentschieden emanzipierte sich rasch und man bediente sich sogar seiner Annehmlichkeiten. Bald schon grassierte das Kurzremis, eine Seuche, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein ihr Unwesen treibt. Mussten sich selbst Spieler wie Tarrasch anfangs noch vehement gegen die Anfeindungen der Presse wegen des allzu friedlichen Spiels erwehren, wurde das frühzeitige ein­vernehmliche Ende mehr und mehr zum alltäglichen Geschäft der Profis – sei es um Geldpreise abzusichern, sei es aus Bequemlichkeit. Seither gab es immer wieder Initiativen gegen das „Geschiebe“, in jüngster Vergangenheit z. B. durch die Sofia-Regel, die das Vereinbaren eines Remis (weitgehend) untersagt und das Ausspielen der Stellungen erzwingt. Vielleicht hätte ein solcher Spielzwang auch die Karriere von Richard Teichmann beflügelt, dem der Hang zum Remis größere Erfolge verbaute, wie Michael Negeles Porträt zeigt.

Ein weiterer Stein des Anstoßes ist das „ungerechte“ Remis, das durch das Regelwerk verbürgt ist. Seit jeher hat besonders das Patt einen schlechten Ruf und einige Großmeister fordern bis heute seine Abschaffung. Dabei können gerade technische
Remisen nicht nur überraschend, sondern durchaus ästhetisch sein, wie Mihail Marin in seinem Beitrag „Friedliche Juwelen“ zeigt.

Um bei technischen Remisen mehr Gerechtigkeit zu erzielen, unterbreitet Großmeister Gerald Hertneck in seinem Beitrag einen neuen Vorschlag zur Punkteteilung, in dem die Materialverhältnisse mitberücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem, das die Reputation des Unentschiedens als ehrenvolles Resultat untergraben hat, ist die Befürchtung, dass das Spiel theoretisch gar nicht zu gewinnen ist und ihm der Remistod innewohnt. Die Debatte darüber begann schon in den 1920er Jahren, wie Michael Ehn in seinem Artikel darlegt. Anfang unseres Jahrtausends rief vor allem der Computer das Remistod-Gespenst wieder auf den Plan. Doch wie vor ihm Spieler wie Aljechin, Tal, Fischer, Kasparow, Topalow und Carlsen hat gerade eben Fabiano Caruana in St. Louis mit seinem fabelhaften Ergebnis von 8,5/10 beim stärksten Turnier der Schachgeschichte eindrucksvoll demonstriert, dass wir uns noch keine Sorgen über den oft beschworenen Remistod machen müssen. Tatsächlich scheint die Punkteteilung weniger mit dem Spiel selbst als mit den Spielern zusammenzuhängen.

Harry Schaack

 


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