LICHT IM DUNKELN

VON HARRY SCHAACK

 

Die Nachkriegsepoche der Sowjetunion ist eine der bedeutendsten Abschnitte der Schachgeschichte. Zahlreiche historische Fakten dieser Zeit sind umstritten oder unbekannt, zu vieles fand hinter verschlossenen Türen statt. Jetzt bringen Juri Awerbachs Memoiren etwas Licht ins Dunkel.

Der heute 89-jährige Awerbach ist ein Gigant des sowjetischen Schachs. Wie kaum ein anderer repräsentierte er das Goldene Zeitalter seines Landes in allen Facetten. Der heute älteste Schachgroßmeister war Weltklassespieler und Landesmeister der UdSSR, zudem ein überragender Theoretiker. Ein Abspiel im Königsinder trägt seinen Namen und sein Endspiel-Kompendium war dutzende Jahre steter Begleiter der Turnierspieler in aller Welt. Als Sekundant, Trainer und Schiedsrichter wurde er von Weltklassespielern geschätzt, als Funktionär war er Präsident des Sowjetischen Schachverbandes und als Chefredakteur betreute er Jahrzehnte Shakhmaty v SSSR und Shakhmatny Bulletin .

In Centre-Stage and Behind the Scene gibt diese lebende Legende aus unterschiedlichen Perspektiven Einblicke hinter die Kulissen. Awerbach hat einen großen Teil der wechselhaften Geschichte des 20. Jahrhunderts miterlebt. Welch enormen zeitlichen Raum er mit seiner Lebensspanne ausmisst, wird deutlich, wenn er erzählt, wie er in seiner Jugend den Preis für die Moskauer Meisterschaft aus den Händen Emanuel Laskers empfing. Was für die meisten kaum noch erinnerte Historie ist, sind Meilensteine seines Lebens.

Awerbachs Schilderungen sind teils rührend, oft humorvoll und mit Selbstironie formuliert. Wenn er über seine Kindheit spricht, merkt man, dass er auch schon belletristisch tätig war. Seine Biographie zeigt, wie schwer eine Karriere in jener Zeit zu planen war. Zufälle und Im­ponderabilien, tiefe historische Verwerfungen sowie vor allem politische Willkür ließen einen Lebensweg nicht immer geradlinig verlaufen.

Gerade diese geschichtlichen Dimensionen akzentuiert der Autor an etlichen Stellen. Als er 1982 seine Endspielbücher neu auflegte, wurde die Anzahl der dort genannten Dissidenten stark reduziert, ihre Namen getilgt und die Diagramme mit „ein praktisches Beispiel“ gekennzeichnet. Zur Wandelbarkeit politischer Wahrheiten schreibt er: „Man vergleiche nur die verschiedenen Auflagen der Enzyklopädie , um zu erkennen, wie Geschichte immer wieder umgeschrieben wird und wie einige Personen erscheinen und wieder verschwinden.“ So findet man während des Krieges in Neuauflagen diverser Bücher wegen der Sympathie des Weltmeisters zum Nationalsozialismus anstatt „Aljechins Verteidigung“ die Bezeichnung „unkorrekte Eröffnung“.

Er selbst erfuhr Zäsur mehrfach am eigenen Leibe. 1954 wurde er mit eineinhalb Punkten Vorsprung Sowjetischer Landesmeister. Weil er sich auf einer Auslandsreise einem „Befehl“ des Delegations­leiters widersetzte, durfte er – als einzige Landesmeister – trotzdem nie die Olympiade mitspielen.

Seine Schachkarriere stand übrigens lange Zeit auf der Kippe. Er war sich nicht sicher, ob er Profi werden oder seine Dissertation in Angriff nehmen solle. Doch sein Chef stellte ihm ein mehrjähriges Sabbatical in Aussicht. Aus dem Schachspieler auf Probe wurde ein Vollprofi, der sein gesamtes Leben dem Spiel widmete.

Bedrückend an Awerbachs Ausführungen ist zuweilen, dass er oft selbst nicht wusste, wie Entscheidungen zu Stande kamen und wer sie veranlasst hatte. Davon betroffen war auch das Beziehungsgeflecht der sowjetischen Spieler untereinander, das sich als sehr fragil erwies. Schnell konnte man sich verfeinden, dann aber aus egoistischen Gründen wieder versöhnen. So sekundierte er Petrosjan gleich mehrfach, obwohl dessen einflussreiche Ehefrau Rona ihn denunzierte und erhebliche Sanktionen die Folge waren.

Awerbach gibt zahlreiche Charakterbeschreibungen seiner Mitstreiter. Der Leser erfährt, dass sein Verhältnis zu Kortschnoi gestört war, nachdem er beim ersten Match 1974 gegen Karpow nicht im Sinne Kortschnois vermittelte. Für die Entscheidung des Sportkomitees machte Kortschnoi ihn verantwortlich. Er schrieb eine beleidigende Postkarte, wonach Awerbach ihn „im 19. Jahrhundert zu einem Duell herausgefordert oder, wäre er jünger gewesen, ihm eines auf die Nase gegeben hätte.“

Kortschnoi wertete in einem Interview nach seiner Niederlage Karpows Leistung herab, wofür ihn Petrosjan scharf kritisierte. Die Folge war Kortschnois Rauswurf aus dem Olympiateam und ein Ausreiseverbot. Monate später bat Kortschnoi um Verzeihung und man hob die Sanktionen auf. Er durfte wieder im Ausland spielen, emigrierte aber bei seiner zweiten Reise nach Holland. Awerbach erfuhr davon erst durch den Anruf eines ausländischen Journalisten.

Da war er schon 1. Vorsitzender des Sowjetischen Schachverbandes, gewählt, weil niemand während der zunehmenden politischen Auseinandersetzung um das WM-Match zwischen Spasski und Fischer seinen Kopf hinhalten wollte. Die Funktionäre erstellten damals für Spasski einen detaillierten Plan zur Vorbereitung auf das Fischer-Match. Als aber Awerbach einmal ins Trainingslager fuhr, fand er desaströse Zustände vor. Spasski trank schon zum Lunch Whiskey und spielte oft Karten. Aber die Führung hatte das Sportkomitee, sodass Awerbach machtlos war.

Vierzig Jahre lang war Awerbach für die wichtigste russische Schachzeitschrift Shakhmaty v SSSR verantwortlich. Sein Buch gibt herrliche Einblicke in eine teils skurrile Welt. Als

Chruschtschow nach einem Museumsbesuch forderte, die abstrakte Kunst zu unterbinden, hatte Awerbach alle Hände voll zu tun, die Zensoren davon zu überzeugen, dass der Begriff „abstrakt“ im Problemschach etwas anderes bedeutet als in der bildenden Kunst.

Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit der FIDE. Awerbach erläutert z.B. die zähen Verhandlungen um das Match zwischen Fischer und Karpow oder die Hintergründe des fast „geplatzten“ Kandidatenhalbfinales zwischen Kortschnoi und Kasparow, das sich zu einem Machtkampf zwischen Campomanes und den Sowjets auswuchs. Auch zum Abbruch des ersten K&K-Matches, das Awerbach als Schiedsrichter leitete, erfährt der Leser zahlreiche Details. Der neu angesetzte Wettkampf sollte ur­sprünglich mit einem 2:0 für Karpow beginnen, doch im Politbüro war Kasparows Befürworter offenbar einflussreicher.

Bei den Darstellungen Awerbachs gilt es freilich zu berücksichtigen, dass er seine subjektive Sicht darstellt. Andere zeitgenössische Protagonisten haben manche Ereignisse anders erzählt. Es ist aber die Gesamtheit der Perspektiven, die uns die Epoche deutlicher ver­stehen lässt. Wahrheit ist eben ein Puzzle oder, wie Kurosawas Meisterwerk Rashomon zeigt, schwerlich objektiv. Auf jeden Fall ist Centre-Stage and Behind the Scene ein Lesevergnügen für alle, die sich für Schachgeschichte interessieren.

 

centrestage

Yuri Averbakh,
Centre-Stage and
Behind the Scenes.
The Personal
Memoir of a
Soviet Chess Legend.
New In Chess 2011,
kartoniert,
268 S.,
28,90 Euro

Das Belegexemplar
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.