LIEBE LESER,

einen Champion umgibt stets eine faszinierende Aura. Seine Partien sind bewundernswert, er ist eine große Persönlichkeit, und sein Einfluss hat nicht selten Auswirkungen auf die gesamte Schachwelt. Als die FIDE Anatoli Karpow 1975 kampflos zum 12. Weltmeister ernannte, war sich die Öffentlichkeit nicht sicher, ob der Russe in dieser Hinsicht mit seinen Vorgängern Schritt halten kann. Zu groß war der Schatten, den Bobby Fischer warf. Und lange sah die große Mehrheit in dem Amerikaner den eigentlichen Weltmeister. Indes bewies Karpow in den kommenden Jahren nicht nur, dass er den Titel mit Würde zu tragen verstand. In den Siebzigern verlor er kaum eine Partie, ein Turniersieg reihte sich an den anderen, und zweimal verteidigte er seinen Titel. Obwohl er in den Achtzigern die Krone an Kasparow verlor und nur noch die Nr. 2 der Welt war, erreichte er über einen enorm langen Zeitraum so viele Erfolge, wie kaum ein Spieler vor oder nach ihm. Eines ist gewiss: Man hatte den schmächtigen Burschen aus Slatoust offenbar unterschätzt.

Unser Heft widmet sich dieser großartigen Lebensleistung, die in der Schachgeschichte wenig Vergleichbares findet. Tibor Károlyi, der sich einen Namen durch Publikationen zu Karpow gemacht hat, schildert die erfolgreiche Biographie und die vielen Rekorde des russischen Champions. Großmeister Mihail Marin enthüllt, warum er in seiner Jugend das Spiel Karpows langweilig fand und erst spät die strategische Tiefe seiner Partien begriff. Und der Hamburger Großmeister Karsten Müller widmet sich dem Endspiel, der Domäne Karpows. Seine technische Virtuosität in diesem Bereich stellt ihn vielleicht über alle anderen Weltmeister.

Karpows Spiel wohnt ein Zauber inne. Und auch dieses Heft kann nur einige Einblicke in den immer noch rätselhaften Stil des 12. Weltmeisters geben. Wir halten es mit unserem Autor Mihail Marin, der Karpows Partien mit Diamanten vergleicht, die überall funkeln. Man kann diesen oder jenen Blickwinkel wählen, aber sie nie gleichzeitig von allen Seiten betrachten.

Ein besonderer Dank gilt Lothar Schmid, der uns zahlreiche historische Fotos aus seinem Archiv zur Verfügung stellte, ohne die dieses Heft so nicht möglich gewesen wäre.

Unser Porträt ist dem neuen Präsidenten des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian gewidmet. Erstmals steht mit einem Internationalen Meister ein sehr spielstarker Praktiker an der Spitze des Verbandes, der die Anforderungen der Basis wie der Profis gleichermaßen kennt und viele Ideen hat. KARL stellt den Hoffnungsträger vor.

Harry Schaack

editorial