DIE MÜTTER DER THEORIEBÜCHER

Aleksandar Matanovic zählte bis Ende der sechziger Jahre zu den stärksten nichtrussischen Spielern. Mehr noch als mit dem Turnierschach ist sein Name aber mit dem Informator (und später der Enzyklopädie) verbunden, den er als Chefredakteur seit der Ersterscheinung 1966 betreute. Mit KARL sprach die 80-jährige Legende über „DIE“ Referenzwerke der modernen Eröffnungstheorie.

 

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Die Väter des Informators:
Dragan Ugrinovic, Bozidar Djurasevic, Aleksandar Matanovic und Milivoje Molerovic

(Foto: Sahovski Verlag)

Als man im Vorcomputer-Zeitalter über die „neueste Theorie“ sprach, meinte man damit die Veröffentlichungen im Informator. Dieses zunächst zwei, dann dreimal jährlich erscheinende Periodikum fasst seit 1966 die wichtigsten, oft von Großmeistern analysierten Partien eines bestimmten Zeitraums zusammen. Wer damals auf der Höhe der Zeit sein wollte, kam ohne die aktuellsten Bände nicht aus. Und so schleppten Generationen ehrgeiziger Spieler bis in die frühen 90er ganze Bibliotheken dieses unentwegt anwachsenden Nachschlagewerks mit zu ihren Turnieren. Trotz der dann aufkommenden Datenbanken hat der Informator bis heute einen festen Platz in der Schachszene.

In den 44 Jahren seiner Existenz hat der Informator ansehnliche statistische Daten produziert: Seit 1966 sind 107 Ausgaben  mit insgesamt 106666 Partien erschienen, davon 66157 Hauptpartien und 40509 Fragmente. Mit 1542 Partien ist Sweschnikow (B33) die meist diskutierte Variante. Mehr als tausend Einträge finden sich unter den Eröffnungskürzeln E12 (1451), D85 (1325), E15 (1299), B22 (1193), B85 (1153), A30 (1146) und E97 (1100). Kortschnoi ist mit 1728 Partien am häufigsten vertreten, gefolgt von Timman (1716), Beljawski (1708), Karpow (1630), Schirow (1259), Iwantschuk (1221), Kasparow (1199), Portisch (1187), Anand (1158), Gelfand (1119), Michail Gurewitsch (1103), Ivan Sokolov (1018) und Adams (1006). Die längste Partie, van der Wiel - Fedorowicz, Graz 1981, dauerte 143 Züge und endete Remis. Die unfangreichsten Analysen verfassten Ftacnik und Tiwiakow. Und am häufigsten erhielt Kasparow den Preis für die beste Partie, nämlich 15 Mal.

 

KARL: Herr Matanovic, Ihr Name ist von Beginn an mit dem Informator assoziiert. Als Sie 1966 Chefredakteur der ersten Ausgabe wurden, waren Sie noch aktiver Weltklassespieler. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
ALEKSANDAR MATANOVIC: Wenn ein Sportler mit Dreißig merkt, dass er langsamer läuft und nicht mehr so weit springen kann, sucht er sich einen anderen Beruf. Wenn ein Schachspieler zu derselben Erkenntnis gelangt, sind meist schon alle Züge abgefahren. Aber der Glückliche ist der, der auf sein Schachwissen zurückgreifen kann, und in diesem Bereich eine Tätigkeit findet.

Der „Informator“ und die „Enzyklopädie der Schacheröffnungen“ (ECO) waren Meilensteine in der „Demokratisierung“ des Eröffnungswissens. Was hat Sie zu diesem Projekt veranlasst?
Als aktiver Spieler fand ich heraus, worin die Überlegenheit der sowjetischen Schachspieler bestand. Unter anderen stellte ihnen ihre machtvolle Schachorganisation alle greifbaren Informationen zur Verfügung. Ich aber wollte das wichtigste Wissen jedem Spieler zugänglich machen. Damit war der Informator geboren.

Wer finanzierte das Projekt zu Beginn?
Niemand! Wir fragten den Jugoslawischen Schachverband, aber der gab uns nichts. Glücklicherweise, denn sonst hätten wir unsere Unabhängigkeit verloren.

Wie reagierte die Schachwelt auf die ersten Ausgaben des „Informators“?
Während der Schacholympiade in Havanna 1966 verkaufte ich persönlich die ersten Exemplare. Es war ein überraschender Erfolg.

Als sie mit dem ersten Informator auf den Markt kamen, gab es nur wenige Spieler, die ihre Partien regelmäßig für die Öffentlichkeit analysierten. Wie kam die Zusammenarbeit mit den führenden Großmeistern zustande?
Sofort, nachdem der Informator bekannt wurde, war die Mitarbeit von Weltklassespielern wie Dr. Euwe, Botwinnik und vielen anderen selbstverständlich. Auch mit den sowjetischen Spielern gab es von Beginn an eine sehr gute Kooperation.

Im Englischen ist der Begriff „Informant“ kein neutraler Begriff. Deshalb waren die Englisch sprechenden Spieler nicht sehr glücklich mit dieser Bezeichnung …
1966 haben wir uns die Frage gestellt, wie wir das Kind nennen sollen. Zunächst dachten wir an „Correspondent“, Das war ok, aber „Informant“ war provokativer und deshalb sogar besser.

1974 erschien der erste Band der „ECO“. Wie kam es dazu?
Nach dem großen Erfolg des Informators war die ECO der natürliche nächste Schritt. Wir begannen mit Band „C“, weil es die am häufigsten gespielten Eröffnungen enthielt.

Wer hat den Eröffnungsschlüssel, den so genannten ECO-Index, entwickelt, der Ihre Publikationen bis heute gliedert und mittlerweile allen ambitionierten Schachspielern vertraut ist?
Die Idee wurde in Belgrad geboren. Braslav Rabar stellte seine schon gemachte „Klassifikation“ zur Verfügung. Sie war brillant. Wir beschlossen gemeinsam, die Eröffnungen in fünf Teile (A-E) zu gliedern, die später in fünf Enzyklopädie-Bänden erscheinen sollten.

Spätestens mit den achtziger Jahren wurden einige Eröffnungen obsolet, andere dagegen fächerten sich in viele Subvarianten auf. So sind heute z.B. die Abspiele zwischen C20-C40 kaum noch anzutreffen, B33 hat dagegen 67, E97 sogar 87 Untervarianten ausgebildet. Dachten Sie einmal daran, den ECO-Index anzugleichen?
Es ist eigentlich unmöglich, die Klassifikation an zeitgemäße Tendenzen und Vorlieben anzupassen. Eine Veränderung würde zu einem Chaos in den Datenbanken führen.

Von Beginn an hatten sie die großartige Idee, eine allgemein verständliche Zeichensprache für die Analysen zu entwickeln. Die Kurznotation mit Symbolen etablierte sich rasch zum Standard der Schachkommunikation.
Ein Teil der ursprünglichen Idee kreiste auch um die „Schachsprache“. Ein großes Werk und hohe damit verbundene Kosten erfordern einen großen Markt. Jede konventionelle Sprache der Welt hätte den Markt beschränkt. Deshalb war es unsere Absicht, eine universelle Sprache zu finden, die jeder Schachspieler intuitiv versteht, so wie das auch mit der Mathematik oder der Musik der Fall ist. Und es sei daran erinnert, dass wir zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von dem bevorstehenden Computerzeitalter hatten.

Wie hat sich das Geschäft für den Sahovski Verlag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verändert?
Zu diesem Zeitpunkt betrug die Druckauflage eines Informators 33.000. Damals wurden über 100.000 Bücher von Belgrad aus in die Welt geschickt. Erst das generelle Chaos des Bürgerkriegs und die internationalen Sanktionen machten die Dinge kompliziert.

Was waren die größten Einschnitte im Konzept Ihrer Publikationen?
Es ist wichtig, künftige Entwicklungen vorauszusehen und zu wissen, was die Bedürfnisse der Schachspieler sind. Z.B. haben wir auf die wachsende Zahl von offenen Turnieren, an denen hunderte von Amateuren teilnahmen, mit der „Kleinen Enzyklopädie der Schacheröffnungen“ reagiert. Dieser komprimierte umfassende Band sprach vor allem Amateure an und war als „Erste-Hilfe-Koffer“ für Wochenendturniere gedacht.

Gab es prominente Spieler, die nie im Informator Analysen veröffentlichten?
Najdorf, Pachman, Stalberg und Topalow fallen mir ein. Es fehlt nur ein sehr geringer Teil der führenden Schachspieler der letzten 44 Jahre.

Erinnern Sie sich an eine besondere Anekdote oder Begebenheit?
In unserem Zeichensystem bedeutet ein Dreieck: „mit der Idee“. Wenn ein Dreieck nach einem gespielten Zug erscheint, dann erklären die dahinter stehenden Züge die Idee. Bobby Fischer schlug vor, wenn kein Zug hinter dem Dreieck steht, dann sollte es soviel bedeuten wie: „ohne Idee“.

 

Das Interview führte Harry Schaack in Englisch