NERVENKRIEG

VON HARRY SCHAACK


Garri Kasparow begann nach seiner fabelhaften Karriere intensiv sein schriftstellerisches Erbe, das ebenfalls Maßstäbe gesetzt hat, fortzuschreiben. Mittlerweile ist das epochale Werk zur Schachgeschichte auf acht englischsprachige Bände angewachsen. In seinem neusten Werk geht es um das 3. Match gegen Karpow, das 1986 in London und Leningrad stattfand, sowie das 4. Match 1987, das Sevilla veranstaltete.

Eine kurzfristige Regeländerung der FIDE ermöglichte es Anatoli Karpow, nach seiner Niederlage 1985 und dem damit verbundenen Titelverlust ein Rematch zu fordern. Dieses Privileg gab es seit Botwinniks Zeiten nicht mehr und wurde in den 60er Jahren abgeschafft. Dieser Umstand führte dazu, dass Kasparow schon ein Jahr nach seinem Triumph seinen Titel verteidigen musste. Aus seiner persönlichen Sicht war dieser Rückkampf lediglich die Fortsetzung des vorhergehenden. Eine psychologisch schwierige Aufgabe, an der schon Tal und Smyslow gegen Botwinnik scheiterten.

Kasparow war der Erste, dem es gelang, sich im Rematch zu behaupten. Durch den 1986er Wettkampf konnte Karpow nicht an den Kandidatenwettkämpfen teilnehmen. Er durfte deswegen direkt im „Finale“ einsteigen und besiegte Andrei Sokolow überzeugend. 1987 saßen sich die beiden überragenden Spieler der achtziger Jahre erneut gegenüber.

Selbst 23 Jahre nach dem 3. Match ist Kasparows Text immer noch die Verbitterung über das Privileg Karpows und dem damit verbundenen Rematch anzumerken. Es war das letzte Mal in der Geschichte, dass einem Weltmeister dieses Recht zugestanden wurde. Kasparow rechnet vor, dass Karpow 96 Partien Zeit hatte, seinen Titel zu verteidigen, nimmt man alle drei Wettkämpfe zusammen.

Nachdem Kasparow mit 22 Jahren jüngster Weltmeister der Geschichte geworden war, kämpfte er nicht nur am Schachbrett. Die verkrusteten Strukturen in der FIDE, personifiziert durch ihren Präsidenten Campomanes, waren ihm ein Ärgernis. Er forderte mehr Demokratie im Schach. Und nach dem 3. Match fand 1987 sein Gestaltungswille Ausdruck in der Gründung der Großmeister-Vereinigung GMA, die weitreichende Folgen hatte.

Das 3. Match fand – 100 Jahre nach dem ersten WM-Kampf zwischen Steinitz und Zukertort – je zur Hälfte in London und Leningrad statt. Es war das dritte Match binnen eines Zyklus – ein Novum in der Schachgeschichte.
Während des Wettkampfes bemerkte Kasparow irgendwann, dass er Karpow nie mit seinen gut präparierten Eröffnungsideen überraschen konnte. Wie sich im Nachhinein herausstellte, folgte Karpow sogar teilweise fehlerhaften Zugfolgen, die Kasparow mit seinem Team vorbereitet hatte. Sollte Karpow dieselben Analysefehler begangen haben? Der Weltmeister wurde misstrauisch und traute seinen Sekundanten nicht mehr. Er verdächtigte Wladimirow, der nach der 18. Partie das Team verließ, der Indiskretion und der Weitergabe seiner Analysen an Karpow. Der Vorwurf konnte jedoch nie bewiesen werden.

Kasparow beschreibt die intensive Wettkampfatmosphäre. Als er in der 16. Partie den entscheidenden Zug ausführte, brandete Jubel im Publikum auf, den Schiedsrichter Schmid nur mühsam beschwichtigen konnte. Nach dieser Partie, die er für die inhaltsreichste des gesamten Wettkampfs erachtet, überkam ihn ein vollkommenes Glücksgefühl. Er analysiert die Partie auf 26 Seiten.

Nach dem Sieg der 16. Partie und dem damit verbundenen 3-Punkte-Vorsprung, entstand eine psychologisch schwierige Situation für Kasparow, der schon „so gut wie gewonnen“ hatte. Konzentration und Anspannung ließen nach. Ein Grund für die drei aufeinander folgenden Niederlagen – das erste Mal in seiner ganzen Karriere. Er fing sich wieder, gewann die 22. Partie und stand vorzeitig als Sieger fest. Wegen des Preisgeldes spielten beide auch die letzte Partie. Am Ende stand es 12,5:11,5, und Kasparow hatte seinen Titel verteidigt.

War er zu Beginn im 1. Match der Auseinandersetzung noch nicht so reif wie Karpow, fühlte sich Kasparow nach dem 3. Match seinem Gegner überlegen. Er hatte nicht nur im Gesamtvergleich ein kleines Plus aufzuweisen, er war auch bis zur 17. Partie der überlegene Spieler. Kasparow betont, dass er im 3. Match von Karpow mit Eröffnungsneuerungen „bombardiert“ wurde. Er selbst, als Eröffnungsspezialist verschrien, konnte keine einzige Partie aus der Eröffnung heraus gewinnen. Er habe Karpow mehrfach im Mittelspiel überspielt. Laut Kasparow war das 3. Match schachlich das beste zwischen beiden.

Das 4. Match in Sevilla war psychologisch das schwierigste für Kasparow: „Seville was the worst ordeal of my life.“ Er wollte das Match nicht spielen. Er hatte seine Überlegenheit bewiesen, den Titel gewonnen und verteidigt. Und jetzt musste er ein Jahr später wieder gegen denselben Gegner spielen. Er hatte Angst, seinen Titel zu verlieren. Das machte ihn umso nervöser, desto näher der Kampf rückte. Sein schwaches Nervenkostüm ging mit einer Abgeschlafftheit einher, die ihm das Denken schwerer als sonst machte. Das führte dazu, dass er öfter in Zeitnot geriet. In der 2. Partie dachte er über seinen
10. Zug 83 Minuten nach – so lange, wie in seiner ganzen Karriere nicht mehr.

Immer wieder musste er sich selbst motivieren. Einige grobe Fehler Karpows holten ihn wieder in das Match zurück. Je näher das Ende rückte, umso mehr versuchte Kasparow das Match mit unausgekämpften Remisen „heimzufahren“.

Ein Unterfangen, das sich rächen musste. Karpow gewann die vorletzte Partie. In der Wiederaufnahme der Hängepartie übersah der Weltmeister eine Kombination, die sein Team zuvor schon in der Analyse gefunden hatte.
Kasparow befand sich plötzlich in einer verzweifelten Situation. Nur ein einziges Mal in der Geschichte gelang es dem Champion mit einem Sieg in der letzten Partie seinen Titel zu verteidigen: Lasker gegen Schlechter 1910.

Kasparow meint: „Hätte ich nicht 119 Partien gegen Karpow gespielt, wäre ich unfähig gewesen, die 120ste zu gewinnen. Die Niederlage der 23. Partie wäre zu traumatisch gewesen…“. Kasparows Strategie in der letzten Partie war erstaunlich. Er spielte, wie es normalerweise sein Gegner tat: so ruhig wie möglich, um seinen Kontrahenten langsam in einen Manövrier-Kampf zu ziehen.

Zur letzten Begegnung gab es einen enormen Zuschauerandrang. Diese Partie war eine der spannendsten in der Geschichte der Weltmeisterschaften. Als Kasparow in einem kritischen Moment der Partie vergaß, zwei Züge zu notieren, erinnerte ihn Schiedsrichter Gijssen daran. Diese Störung brachte ihn irgendwie aus dem "Flow", und ihm unterlief ein grober Fehler. Doch Karpow konnte keinen Nutzen daraus ziehen. Die Partie wurde abgebrochen, und Kasparow gewann. Er hatte das geschafft, was seinem Kontrahenten beim 2. Match beim selben Stand von 11:12 versagt blieb. Nachdem Karpow aufgegeben hatte, brandete ein 20-minütiger Applaus auf. Dieser letzte Teil der Partie „was one of the most memorable moments in my life“, schreibt Kasparow.

 




Garry Kasparov,
Kasparov on
Modern Chess –
Part Three:
Kasparov vs Karpov
1986 - 1987,
432 Seiten,
gebunden,
mit Schutzumschlag,
Everyman Chess 2009,
26,90 Euro.

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise von Schach E. Niggemann zur Verfügung gestellt.