VON MÜNCHEN BIS DRESDEN

Wolfgang Uhlmann nahm insgesamt an elf Olympiaden teil. Es hätten deutlich mehr sein können, aber die Sportpolitik der DDR in den Siebziger Jahren verhinderte dies. Der gebürtige Dresdner war an allen deutschen Nachkriegsolympiaden beteiligt – und er ist glücklich, dass er für die kommende in seiner Heimatstadt als Botschafter tätig sein darf.

VON WOLFGANG UHLMANN

(Der Text ist folgend auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Artikel lesen Sie in KARL 3/08)

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Meine erste Olympiade spielte ich 1956 in Moskau, wo ich den Titel des Internationalen Meisters errang. Olympiaden sind etwas ganz anderes als Einzelwettbewerbe. Dort kommt der Leitsatz der FIDE, gens una summus – wir sind eine Familie, wirklich zum Tragen.
Diese großen Veranstaltungen waren für uns nicht nur schachlich besondere Ereignisse. Sie waren auch eine Gelegenheit, fremde Länder kennen zu lernen. Da wir früher mit sechs Spielern antraten, gab es während des Turniers immer einige freie Tage, die wir zu kulturellen Aktivitäten nutzten.
Der Zusammenhalt in unserem DDR-Team war sehr stark und das übertrug sich auch auf unsere Leistung. In der Regel erzielten wir Resultate, die besser waren als unsere Durchschnittsspielstärke. Natürlich war Erfolg immer sehr „beliebt“ bei unseren Funktionären. Aber wir sind auch nicht „stranguliert“ worden, wenn es einmal nicht so lief.
Auf die Olympiaden bereitete sich unser Team in mehreren Lehrgängen im nahe Berlin gelegenen Kienbaumer DDR-
Leistungszentrum oder in Zinnowitz an der Ostsee vor. Dort waren Sportler aller Disziplinen, aber man darf sich das nicht
zu luxuriös vorstellen. Wir lebten sehr bescheiden, denn die Gelder waren immer knapp.
Schachlich beschäftigten wir uns mit der Eröffnungstheorie und analysierten unsere eigenen Partien. Wir arbeiteten immer eng zusammen und versuchten, unsere Stärken und Schwächen klar zu definieren.
Jeder trug sehr offen sein Wissen bei. Teil des Vorbereitungsprogramms waren Trainingsturniere und auch Länderkämpfe gegen osteuropäische Nationen wie Bulgarien, Rumänien oder Weißrussland. Wir sahen da meistens richtig gut aus.
Es wurde vieles versucht, uns in diesen Leistungszentren in eine gute Stimmung zu versetzen. Wir wurden sportmedizinisch betreut und erhielten sogar autogenes Training. Auf die Fitness wurde großen Wert gelegt. Es gab einmal eine Zeit, da waren wir alle zu fett. (lacht) Um diesem Umstand Abhilfe zu schaffen, nahmen uns die Ärzte ganz schön ran. Zudem entwickelten sie Diät- und Ernährungspläne für uns. Die Verantwortlichen achteten darauf, dass wir gut vorbereitet auf Turniere kamen.
Zu den Olympiaden begleiteten uns verschiedene Trainer, die keine „Schachriesen“ waren. Wichtiger als das schachliche Verständnis war die psychologische Betreuung. Eine wichtige Qualität des Trainers ist es, die Stimmungslage der Leute richtig zu beurteilen, um sie gut einsetzen zu können. Die offiziellen Delegationsleiter hatten dagegen meist gar keine Ahnung vom Schach. Die äußerten zwar ab und an ihre Meinung, wurden aber von uns eher geduldet.

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MÜNCHEN 1958
In München spielte ich meine zweite Olympiade. Wir waren eine ganz junge Truppe und wir hatten uns gut vorbereitet. Unser hervorragendes Ergebnis bewies, das wir gut „in Schuss“ waren.
Mit etwas Glück landeten wir vor der Bundesrepublik auf Platz 6, weil wir sie in der vorletzten Runde 3,5:0,5 schlagen konnten. Für uns aus der DDR war diese Olympiade ein tolles Erlebnis, auch weil München eine interessante Stadt mit einer traumhaften Umgebung ist. Das kulturelle Angebot war sehr groß.
Bei der Olympiade 1958 in der Bundesrepublik gab es keinen offiziellen Verhaltenskodex, an den wir uns hätten
halten müssen. Natürlich war keine großartige Verbrüderungsarie mit den westdeutschen Spielern erwünscht. Aber bei uns Schachspielern war es normal, dass wir miteinander geredet haben. Wir erörterten schachspezifische und nicht politische Themen. Und wir kannten uns natürlich von Turnieren. Zu Klaus Darga, den ich in Hastings kennen lernte, hatte ich immer ein sehr inniges Verhältnis. Lothar Schmid kannte ich noch aus Dresden, wo er aufgewachsen ist. Er ist sieben Jahre älter als ich und siedelte 1948 nach Westdeutschland über. Als Kind habe ich noch gegen ihn gespielt. Als er einmal ein Simultan gab, konnte ich ihn als junger Bursche schlagen. Kurioserweise haben wir niemals eine Turnierpartie gegeneinander gespielt. Bei den deutsch-deutschen Duellen spielte ich stets gegen Wolfgang Unzicker.
1958 war die Situation in der DDR noch entspannt. Unser Team war sehr „pflegeleicht“, denn wir spielten abends meistens Bridge. An einem Ruhetag bin ich alleine in die Alpen gefahren. Das war damals durchaus möglich. Ich bin während meiner gesamten Karriere öfter ohne Trainer oder „Aufpasser“ zu Turnieren ins Ausland gereist.
Die Spielbedingungen im Deutschen Museum direkt an der Isar waren in Ordnung. Allerdings durften die Spieler damals noch rauchen. Dadurch waren bei früheren Olympiaden und Turnieren nicht immer gute Luftbedingungen. Wenn ich da an Kettenraucher wie Kortschnoi oder Tal denke … (schüttelt den Kopf).
Natürlich war unser Ziel immer das A-Finale. Heute kann man Dank des Elo-Schnitts schon vorher recht genau bestimmen, wie die Erwartungen sein werden. Doch Elozahlen gab es erst ab 1970. Daher war es sehr viel schwerer, die einzelnen Mannschaften hinsichtlich ihrer Spielstärke einzuschätzen.
Im DDR-Team hatte ich eine ähnliche Stellung wie Wolfgang Unzicker bei der Bundesrepublik. In der Regel bin ich immer am meisten eingesetzt worden. In München spielten wir mit Burkhard Malich am 2. Brett. Er war ein passiver Spieler und wurde meist eingesetzt, um Remis zu spielen. Sieghart Dittmann hatte das beste Resultat. Bei ihm lief es gut und deshalb spielte er oft. Aber wie Dieter Bertholt, der an vier spielte, war er ein reiner Amateur. Beide hatten später nichts mehr mit Schach zu tun und machten akademische Karriere. Dittmann wurde Professor für Medizin und später Direktor des Zentralinstituts für Hygiene, Mikrobiologie und Epidemiologie in Ost-Berlin. Ersatz waren Reinhard Fuchs und Wolfgang Pietzsch. Unsere geschlossene Mannschaftsleistung brachte uns den 6. Platz. Das war sensationell und die Funktionäre jubelten natürlich.
Der große Star in München war der junge Michail Tal, der vor der Olympiade fantastische Ergebnisse gespielt hatte und sich gerade aufschwang, Weltmeister zu werden. Ich lernte ihn sehr früh kennen und habe mehrfach gegen ihn gespielt. Er war ein Gentleman, aber er sah aus wie ein Teufel. Seine Augen hatten einen stechenden Blick, als wollten sie den Gegner vernichten. Tal strahlte etwas Magisches aus, das auch die Zuschauer in München elektrifiziert hat. Aber er war immer korrekt und überall unglaublich beliebt. Meist reiste er mit einem Tross von Freunden und der Familie. Er war ein Genie, hat sich gesundheitlich aber leider total ruiniert.

AUFGEZEICHNET VON HARRY SCHAACK

(Den ganzen Text können Sie in KARL 3/08 lesen)