ANALYSENVERGLEICH

VON HARRY SCHAACK

 

„Ich will immer erster sein“, sagte Anatoli Karpow einmal. Und dieses Ziel hat der 12. Weltmeister in seiner beeindruckenden Karriere auch lange Zeit erreicht. Von 1975-1985 und danach zwischen 1993-1999 war er der Champion des Weltschachverbandes. Mit über 160 Turniererfolgen hält er mit Abstand weit vor Kasparow den Rekord. Die Wettkämpfe gegen seinen Dauer-Kontrahenten aus Baku in den Achtzigern waren an Spannung kaum zu überbieten und sein Sieg in Linares 1994 mit 11/13 ist bis heute das beste Turnierergebnis der Geschichte. Aus all diesen und noch viel mehr Gründen sollte die nun bei Olms erschienene Partiensammlung jeden Schachfan interessieren. Die Partien dokumentieren die Karriere Karpows von den Anfängen 1969 bis zu seinen letzten ernsten Turnierpartien. Allesamt erhielten Schönheitspreise oder sind vom Informator ausgezeichnet worden. Kleine Textpassagen zwischen den Partien zeichnen den Aufstieg Karpows nach, erläutern die Bedeutung einer Partie, oder schildern, welche Beziehung Karpow zu seinem Gegner hatte. Gelegentlich werden auch Anekdoten erzählt, wie die aus Hastings, als sich Karpow wunderte, warum niemand gegen ihn die Scheveninger-Variante spielte. Auf Nachfrage erfuhr er, dass einer seiner kurz zurückliegenden Siege so beeindruckend war, dass seine Kontrahenten kein Mittel gegen seine Spielbehandlung fanden. Ergänzt wird das schön gestaltete Buch durch eine Kurzbiographie von Raymund Stolze und einen Anhang bestehend aus Statistiken, Personen-, Partien-, und Eröffnungsverzeichnissen, die ein jedes gut gemachtes Buch enthalten sollte.

Karpow hat sich seit einiger Zeit vom professionellen Turniergeschehen zurückgezogen und spielt nur noch gut bezahlte Schaukämpfe. Wenn sozusagen „nach“ einer Karriere eine Partiensammlung erscheint, könnte man vermuten, dass ein erfolgreicher Spieler sein Vermächtnis durch einen frischen Analyseblick neu aufbereitet. Allerdings bestand bei Karpow von vornherein der Verdacht, dass diese Sammlung nur wenig neue Analysen enthalten wird. Mit dem Computer stand Karpow schon immer auf Kriegsfuß. Eine Überprüfung zeigt schnell, dass es sich bei dem vorliegenden Partienmaterial zum größten Teil um fast unveränderte ältere Analysen handelt. Fast alle Partien stammen aus früheren Publikationen, etwa aus Wie spiele ich halboffene Eröffnungen? oder Wie ich kämpfe und siege aus den Achtziger Jahren. In letztgenanntem Werk fehlen übrigens alle Partien gegen Kortschnoi nach 1973, d.h. ihre drei Matches, die sicher die bis dahin wichtigsten Ereignisse in Karpows Karriere waren, bleiben unberücksichtigt. Kortschnoi wurde offenbar das Opfer der russischen Zensur. Nachdem er ins Exil gegangen war, erklärte ihn die Sowjetunion zur Persona non grata. Diese Leerstelle ist in dem vorliegenden Meine Besten Partien behoben.

An der Art der Kommentierung erkennt man auch die Art zu denken. Besonders spannend ist es, den Analysestil Karpows mit dem seines großen Kontrahenten Kasparow zu vergleichen. Dessen kürzlich erschienener letzter Band von My Great Predecessors beschäftigt sich mit seinem Vorgänger. Hält man die Analysen nebeneinander, enthüllt sich die unterschiedliche Spielauffassung beider. Während Karpow eher lakonisch kommentiert, nur einige Schlüsselmomente heraushebt und den Sachverhalt sprachlich untermauert, versucht Kasparow mit ganz konkreten, z.T. seitenlangen Analysen die Wahrheit aufzuspüren. Welche von beiden Methoden besser ist, bleibt wohl dem Geschmack des Lesers überlassen. Es ist der alte Streit zwischen dem Grundlegenden und dem Konkreten, der sich nicht auflösen lässt. Bedauerlicherweise verdeutlicht der Vergleich mit Kasparow aber eben auch, dass Karpows Analysen viel älter und neuere Erkenntnisse nicht eingeflossen sind. Die letzte Wettkampfpartie gegen Kortschnoi in Baguio analysiert Karpow auf zweieinhalb Seiten, Kasparow auf fünf. In der Eröffnung verweist Kasparow auf eine wichtige Partie von 1984, die die Stellungsbewertung ändert. Über diese theoretische „Neuerung“, die nun über 20 Jahre zurückliegt, erfährt man bei Karpow nichts. Kasparow bezieht auch die Geschichte der Eröffnungsdiskussion mit ein und kann Karpows Einschätzungen einige Male widerlegen. Auch die Bewertungszeichen unterscheiden sich zuweilen deutlich voneinander, wodurch sich auch die Momente der „kritischen Stellungen“ verschieben. So sieht Karpow in der Kortschnoi-Partie schon in 11…Sh5, Kasparow erst in 12…Sf6 den entscheidenden Fehler. Auch in der Folge zeigt Kasparow in dieser letzten Partie des nervenaufreibenden WM-Matches von 1978 erstaunliche Verteidigungsressourcen auf, die Karpow nicht einmal andeutet.

Trotz dieses Mankos sind die Partien und die Kommentierungen Karpows ein Genuss, auch wenn ihnen ein Lifting gut getan hätte. Der Käufer dieses Buches muss sich bewusst sein, dass es sich um veraltete, vom Computer ungeprüfte Analysen handelt, die unverändert und weitgehend ungeprüft in diese Anthologie aufgenommen wurden und die anderswo tiefer zu finden sind. hs

 

 


 

Anatoli Karpow,
Meine Besten Partien,
Edition Olms 2006,
296 S., kartoniert,
19,95 Euro

 

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.