QUO VADIS, BUNDESLIGA?

Wie sieht die Gegenwart und die Zukunft der Bundesliga aus? KARL hat die Verantwortlichen aller Bundesliga-Vereine der kommenden Saison zu Entwicklung, Umgestaltung und Zielen der Bundesliga interviewt. Das entstandene Meinungsbild kann als konträr bezeichnet werden. Es gibt viele Ideen, doch von einer gemeinsamen Umsetzung scheint man noch weit entfernt zu sein. Im folgenden werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend dargestellt. Die kompletten Interviews können Sie nebenstehend nachlesen.

TEXT: HARRY SCHAACK

 

DIE BUNDESLIGA UND DAS DEUTSCHE SCHACH
Bundesligasprecher Christian Zickelbein ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Sie erfordert hohes diplomatisches Geschick und ist doch allzu oft nicht von Erfolg gekrönt. Konsens unter den
Vereinen herzustellen, war schon immer die größte Schwierigkeit in der höchsten deutschen Spielklasse. Zudem steht Zickelbein immer zwischen den Stühlen: einerseits soll er neutral alle Vereine vertreten, andererseits muss er als 1. Vorsitzender des Hamburger SK die Interessen des norddeutschen Klubs wahren.
Dabei betreut er eine Veranstaltung mit Potential. Die meisten der von uns Befragten halten die BL jedenfalls für attraktiv. So spricht der Erfurter Bernd Vökler von einem einzigartigen Mannschaftswettbewerb, bei dem ein Zuschauer an einem Wochenende fast die gesamte Weltspitze sehen kann. Vor allem der enge Kontakt zwischen Publikum und Spieler ist reizvoll.
Die Mehrzahl der Befragten glaubt auch, die BL lohne den finanziellen Aufwand, der sich grob geschätzt zur Zeit auf etwa 50.000 Euro pro Saison und Verein beläuft. Es wird aber moniert, dass die Vermarktung noch unzureichend ist und selbst Zickelbein kritisiert, dass die Liga durch ihre mangelhafte Darstellung nicht die Bedeutung hat, die sie haben könnte. Dabei scheint der finanzielle Aufwand im Vergleich zu anderen Profi-Sportarten eher gering zu sein. Wie lange allerdings noch solche Summen bezahlt werden können, ist eine offene Frage. Der Godesberger Bodo Schmidt gibt zu bedenken, dass der momentane Standard aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation in Deutschland in den nächsten Jahren nicht zu halten sein wird und vermutet einen baldigen Rückzug vieler Geldgeber.
Will die Liga keine elitäre, nur auf sich selbst bezogene Veranstaltung sein, so muss sie Außenwirkung haben. Nicht wenige sind davon überzeugt, dass die BL einen wesentlichen Beitrag für das deutsche Schach leistet. Nach Thilo Gubler vom Aufsteiger Baden Oos fungiert sie als „Zugpferd für deutsche Spieler und besonders für den Nachwuchs“. Der langjährige Sponsor der SG Porz, Wilfried Hilgert, geht sogar so weit zu behaupten: „Ohne die Bundesliga wäre das deutsche Schach nichts! Der DSB ist ja weitgehend untätig und die meisten Gelder gehen für Funktionäre drauf.“ Deshalb hält er auch den hohen Aufwand für absolut gerechtfertigt.
Der DSB selbst, glaubt man den Befragten, scheint sich mit dem Profisport schwer zu tun und richtet sein Augenmerk vor allem auf den Breitensport. Herbert Scheidt, Sponsor der Solinger SG, meint, die Funktionäre würden die Bedeutung der BL immer noch unterschätzen. Dabei könnte die Liga nach Auffassung des Lübeckers Torben Denker Ansporn für den DSB sein, selbst professioneller und repräsentativer zu werden. Ulrich Wolf aus Wattenscheid vermag beim DSB allerdings weder finanzielle noch sonstige Aktivitäten zu erkennen, die einen Zusammenhang zwischen der BL und dem deutschen Schach herstellen könnten.
Doch die Verantwortung liegt nicht nur beim DSB. Horst Leckner aus Tegernsee zufolge hat die Liga selbst einen Auftrag, den Breitensport zu fördern, den sie aber bislang nur unzureichend erfüllt. Dieses Ziel verfolgt er selbst aktiv und nutzt dabei die guten Kontakte, die er durch sein Open in Bad Wiessee etablieren konnte - ein Turnier, von dem mittlerweile die ganze Region profitiert. Im kommenden Jahr wird einer der von ihm für den Verein verpflichteten Großmeister in einer Schule Schachkurse geben.

VERMARKTUNG
Bei der Vermarktung des Produktes „Bundesliga“ setzen viele ihre Hoffnungen auf das neu eingerichtete Internetportal. Die Erwartungen sind hoch, und man glaubt in einigen Jahren Zuschauerzahlen wie bei Spitzenturnieren erreichen zu können. Zickelbein jedenfalls hält das Internet für den besten Weg, um die Liga zu präsentieren und auch Scheidt sieht darin das Vehikel zur professionellen Vermarktung der Liga. Einzig der Erfurter Vökler glaubt, das Internet sei bereits ein Auslaufmodell.
Aber die Vereine müssen selbst dazu beitragen, der BL einen höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Vor allem stehen sie bei der medienwirksamen Präsentation von Heimspielen in der Pflicht. Für Norbert Sprotte vom SK Kreuzberg ist die Darstellung der einzelnen Vereine nach außen noch wichtiger als das Internet. Ideal wäre es, wenn die Kämpfe als Event mit Rahmenveranstaltungen präsentiert werden und von regelmäßigen Presseberichten begleitet werden. Vor allem die Vereine aus kleineren Städten scheinen hier einen Vorteil gegenüber den Metropolen zu haben, die sich die Aufmerksamkeit mit vielen anderen sportlichen Veranstaltungen teilen müssen. Schwer vorstellbar ist dort ein Enthusiasmus wie ihn Turm Emsdetten bei Heimspielen entfaltet, und der, wie Raimo Vollstädt sagt, den ganzen Ort auf die Beine bringt. Oder der sich wie in Plauen auf ein Umfeld von bis zu 100 km Entfernung auswirkt, und den Mannschaftsführer Gunter Sandner u.a. durch Flugblätter unterstützt, die er gelegentlich vor den Heimspielen von Tür zu Tür trägt.
Hilgert und Leckner sehen die Breitenwirkung der Liga auch in Zusammenhang mit einer sorgfältigeren Terminplanung, die auf sportliche Großveranstaltungen Rücksicht nimmt und Überschneidungen mit anderen Ligen vermeidet.

SPIELMODUS
Seit ihrer Gründung spielt die BL im gleichen Modus. Über Änderungen ist schon häufig nachgedacht worden, aber getan hat sich bislang nichts. Die Vorschläge der Vereine sind vielfältig.
Vor einigen Jahren wollte Turnierleiter Kohlstätt eine Reduzierung der Vereine durchsetzen. Seine Absicht scheiterte, doch der Bremer Schelz-Brandenburg hält weiterhin an diesem höchst umstrittenen Modell fest. Es sieht vor, die Liga auf 12 Vereine zu begrenzen, die Hin- und Rückrunde spielen. Durch die häufigen Heimspiele könnte man eine größere Wirkung in der regionalen Presse erzielen. Aber dieses Modell müsste mit einer Professionalisierung einher gehen und die Vereine - wie in anderen Profiligen auch - die Spieler anstellen. Allerdings steht Schelz-Brandenburg mit seinem Vorschlag alleine da und selbst die finanziell gut bestückten Vereine halten ihm entgegen, diese Form würde den finanziellen Rahmen der Liga sprengen. „Schach ist eben kein Fußball und wird es auch nicht werden“ sagt der Erfurter Vökler.
Seit 1993 wird der Vorschlag, Playoffs mit den vier besten Teams zu spielen, immer wieder diskutiert. Aber obwohl es einige Befürworter dieser Regelung gibt, liegen die Nachteile auf der Hand. Profitieren würden vor allem die Spitzenvereine, die eine solche Veranstaltung vermarkten könnten. Und es besteht die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung, da viele gute Teams vielleicht nicht immer in der besten Aufstellung antreten, wenn ihnen ein Platz unter den ersten vier ausreicht. Insgesamt würde das Niveau schwächer werden und darunter leiden nicht zuletzt die Amateurvereine, die das Interesse verlieren könnten, wie Hilgert betont.
Die radikalste, wenn auch nicht neue, Anregung kommt vom Forchheimer Bertold Bartsch. Er plädiert für eine Profiliga, die sich unabhängig vom DSB organisiert und vermarktet. Daneben soll es weiterhin die Amateurligen geben, die dann den Deutschen Amateur-Meister ausspielen. Doch auch dieses Szenario stößt auf einhellige Ablehnung. Eine autonom gestaltete Liga ist für die allermeisten Vereinsvertreter nur unter dem Dach des DSB möglich. Die Vereine allein könnten den Organisationsaufwand gar nicht bewältigen. Und auch die Jugendarbeit würde von der Liga nicht mehr profitieren. Für Zickelbein ist eine Profiliga jedenfalls nicht denkbar. „Die Vereine sind einfach noch nicht reif dafür. Das kann man auch an der jetzigen Situation ablesen.“
Die größte Zustimmung findet der Vorschlag einer zentral ausgetragenen Endrunde. Der Tegernseer Leckner hält einen solchen Modus für eine hoch attraktive Veranstaltung. Neben den guten Vermarktungschancen würden auch die Reisekosten sinken. Torben Denker befürchtet dabei jedoch, dass die Liga durch die dramatisch verringerte Zeitspanne die Bedeutung eines x-beliebigen Turniers bekommt.

AUSLÄNDERREGELUNG
Für Christian Zickelbein ist die Frage nach einer Ausländerquote das größte Problem der BL. Hier mit einer Stimme zu sprechen, scheint im Moment unmöglich. In Anbetracht der Lübecker, die nicht einen einzigen Deutschen gemeldet haben, scheint jedoch für viele eine verbindliche Reglung notwendig zu sein. Zickelbein gibt aber zu bedenken, dass für eine zuverlässige Vermarktung des Internet-Portals die ausländischen Profis wichtig sind.
Der Vorsitzende der Stuttgarter SF, Joachim Arendt, ist der wohl stärkste Befürworter einer Ausländerregelung. Für ihn ist die Zukunft der Liga eng mit dieser Frage verbunden. Er glaubt, dass Modelle wie das der Lübecker kontraproduktiv sind und zu Resignation bei finanzschwächeren Vereinen führen. Der DSB müsse einer Separierung der Profivereine entgegenwirken, verharrt aber untätig - was vermutlich mit der unklaren juristischen Lage zusammenhängt. Durch eine Beschränkung der Zahl der Ausländer in einer Mannschaft würden deutsche Talente stärker angespornt und die deutsche Spitze breiter werden. In Anlehnung an die österreichische Reglung fordert Arendt mindestens 50% Deutsche pro Team. Lübeck bezeichnet er als Meister der Bundesliga, aber nicht mehr als Deutschen Meister.
Arendt steht mit seinem Vorwurf nicht alleine. Jörg Schulz von den Schachfreunden Neukölln geht sogar so weit, die Liga wegen ihres hohen Ausländeranteils in Hinblick auf das deutsche Schach für bedeutungslos zu halten. „Die Bundesliga wird immer mehr zu einer Ansammlung gekaufter Spieler. Gleichzeitig ist sie dafür schlecht organisiert. Sie preist sich als stärkste Liga der Welt und präsentiert sich wie eine Bezirksliga.“
Hilgert sieht diese Befürchtungen jedoch nicht bestätigt, denn Porz hat immer wieder starke Jugendliche hervorgebracht, nicht zuletzt, da diese Talente von den bezahlten ausländischen Spitzenspielern trainiert wurden. Thilo Gubler fordert sogar, die momentan bestehende Regelung, die noch zwischen EU- und Nicht-EU-Ausländern unterscheidet, ganz aufzuheben. „Je mehr gute Spieler die Liga hat, desto besser.“ Und der Lübecker Denker argumentiert, dass sich das Problem durch eine Begrenzung der Zahl der Ausländer nur verlagert. „Die besten deutschen Spieler müssten dann ebenfalls gekauft werden, nur will niemand sehen, wie zwei Spieler mit Elo 2300 gegeneinander spielen.“

 

 

INTERVIEWS

Joachim Arendt
Stuttgarter SF

Bertold Bartsch
SC Forchheim

Torben Denker
Lübecker SV

Thilo Gubler
SC Baaden Oos

Wilfried Hilgert
SG Porz

Horst Leckner
Tegernsee

Gunter Sandner
König Plauen

Herbert Scheidt
Solinger SG

Till Schelz-Brandenburg
Werder Bremen

Bodo Schmidt
Godesberger SK

Jörg Schulz
SF Neuköln

Norbert Sprotte
SC Kreuzberg

Bernd Vökler
Erfurter SK

Raimo Vollstädt
Turm Emsdetten

Ulrich Wolf
SV Wattenscheid

Christian Zickelbein
Hamburger SK