KUBANISCHE PERFEKTION

VON HARRY SCHAACK


José Raúl Capablanca umgab schon zu Lebzeiten eine mystische Aura. Sein Spiel galt als Inbegriff der Perfektion. Seine Zeitgenossen begriffen nicht recht, wie es möglich war, dass ein Mensch fast fehlerfrei spielen konnte. Sein Beiname „Schachmaschine“ mag Ausdruck dieses Nichtverstehens gewesen sein, das auf seinen beeindruckenden Rekorden beruht. Mehrere Jahre lang war er ungeschlagen und in seinem ganzen Leben verlor das einstige Wunderkind keine vierzig Turnierpartien.

Die ChessBase-Reihe Master Class will nun dieses Geheimnis des dritten Weltmeisters ein wenig lüften. Das Konzept des nun schon vierten Bandes dieser Reihe ist immer das gleiche: Vier Experten erläutern in bewährter Manier den Spielstil, indem sie die Stärken und Schwächen in den einzelnen Partiephasen analysieren.

Die erste Partiephase gehörte sicherlich nicht zu Capablancas Stärken, wie Niclas Huschenbeth zeigt. Der Kubaner war kein großer Eröffnungstheoretiker, weil ihm dieser Abschnitt einfach nicht besonders wichtig war. Seine Theorie-Beiträge waren recht klein, allerdings keineswegs unbedeutend. Immerhin sind gleich mehrere Varianten nach ihm benannt. Vor allem seine theoretische Diskussion des abgelehnten Damengambits mit Aljechin während der Weltmeisterschaft 1927, wo nur in zwei Partien eine andere Eröffnung gespielt wurde, hat diese Variante vorangebracht. Huschenbeth hält jedoch die meisten Stellungen für langweilig. Weiß steht zwar stets einen Tick besser, aber Schwarz hat eine solide Stellung, wodurch die hohe Remisquote dieses WM-Kampfes zu erklären ist.

Dabei hatte Capablanca ein recht variables Repertoire. Generell strebte er aus der Eröffnung solide Stellungen an, aus denen er dann seine Gegner positionell zu überspielen versuchte. Er scheute dabei jegliches Risiko, baute sich relativ anspruchslos auf und war auch mit Weiß schon zufrieden gewesen, wenn er ein klein wenig mehr Raum besaß oder etwas besser entwickelt war. Gegen Abtausch hatte er nichts einzuwenden, sodass das Mittelspiel nicht selten Endspielcharakter hatte.

Auch Capablancas Mittelspiel war oft durch langsame, ruhige positionelle Stellungen geprägt, bei denen die Taktik nur eine untergeordnete Rolle spielte. Aber obwohl er ein positioneller Spieler war, ist sein Stil nicht leicht zu beschreiben, meint Mihail Marin.
Er beschreibt ihn als eine Mischung aus konsequenter Strategie und „einem Schuss Spekulation“. Capablanca war sehr flexibel und änderte während der Partie nicht selten seine Pläne, wenn es die konkrete Stellung erforderte.

Capablanca ließ auch dann nicht von seinem langsamen strategischen Spiel ab, wenn er zwischendurch Material gab. In einer Partie gegen Dus-Chotimirski opferte er z. B. zwei Bauern, ohne dass die Stellung wirklich taktisch wurde. Er realisierte seine Initiative mit ruhigen Umgruppierungen, bis die gegnerische Stellung zusammenbrach.

Manchmal ist Marin erstaunt, wie traumwandlerisch sich Capablanca in damals weitgehend unbekannten Varianten zurechtfand. In einem Benoni gegen Aljechin in New York 1927 nahm er schon fast alle modernen Ideen vorweg, die diese Eröffnung heute auszeichnen.

Ein Erbe Capablancas sieht Marin in der Idee, eine gute Leichtfigur gegen eine scheinbar schlechtere zu tauschen, um dafür Positionsvorteil zu erhalten. Ein Motiv, das sich auch später bei Fischer oder Larsen wiederfindet.

Im Taktikteil beschäftigt sich Oliver Reeh insbesondere mit der sogenannten „petite combinaison“, die ein Markenzeichen Capablancas war. Eine kleine taktische Wendung, die zu
Positionsvorteil führt. Auch wenn Capablancas Spiel nicht in erster Linie durch Taktik geprägt war, kann Reeh an einigen eindrucksvollen Beispielen zeigen, dass er sehr gut rechnen konnte. In interaktiven Aufgaben kann der Leser selbst in die Fußstapfen des Kubaners treten.

Mit der letzten Partiephase beschäftigt sich Endspielkenner Karsten Müller, der diesmal voll auf seine Kosten kommt. Capablanca gilt als einer der größten Endspielgenies der Schachgeschichte. Vor allem seine technische Präzision ist erstaunlich. Viele seiner Partien sind längst Teil des allgemeinen Endspielkanons geworden und etliche davon finden sich als Musterbeispiele in einschlägigen Werken.

Die kurzweilige DVD bietet zudem eine Biografie von Peter Schneider, einen Endspielartikel von Marin, sämtliche Turniertabellen, eine Datenbank mit allen, zumeist analysierten Partien Capablancas, sowie hundertdrei zusätzliche taktische Trainingsaufgaben, bei der auf Zeit die richtige Lösung zu finden ist.

 

capablancacover

Dr. Karsten Müller,
Mihail Marin,
Oliver Reeh,
Niclas Huschenbeth,
Master Class Band 4:
José Raúl Capablanca,
ChessBase-DVD 2015,
6 Std. 12 min
(Deutsch/Englisch),
29,90 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde
freundlicherweise
von ChessBase
zur Verfügung gestellt.