GRUNDSÄTZE DES GLEICHGEWICHTS UND DER BEWEGUNG

Bahnbrechende Theoretiker des königlichen Spiels: Alexandre, Bilguer und Jaenisch

VON MICHAEL NEGELE

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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Nicht nur im Schach gelten Theorie und Praxis als Gegensätze und der von eingefleischten Praktikern gerne zitierte, aber dem königlichen Spiel bekanntlich wenig gewogene Johann Wolfgang von Goethe hat sich auf deren Seite geschlagen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ (Mephisto in der „Schülerszene“, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808). Offenbar ließ Goethe dabei die wegweisende Abhandlung des Ober-Aufklärers Immanuel Kant außer Acht, der 1793 in Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis darlegte, dass Theorie keine Abkopplung von der Praxis bedeutet. Vielmehr stellt sie die Verallgemeinerung der bisherigen Erfahrungen und das Fundament aller praktischen Betätigung dar. Der Philosoph sah in der Urteilskraft die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis, und für ihn war es schlüssig, dass ein exzellenter Theoretiker, falls es ihm an Urteilskraft mangelt, niemals praktischen Erfolg erzielen würde. Zudem kann nach Kant „niemand sich für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloß zu geben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei.“



Aaron Alexandre
(* um 1766 in Hohenfeld (Main); † 16. November 1850 in London)
errang vor allem durch die 1846 erschienene
„Collection des plus beaux Problémes d’Échecs“ Anerkennung.
Seine „Encyclopédie des Échecs“ (1837)
verrät beträchtliche theoretische Kenntnisse,
doch er setzte Gelehrsamkeit über deren Darbietung
und mied das praktische Spiel.

Im Zeitalter der Aufklärung wandelte sich das Schachspiel von einer Kunst zu einer Wissenschaft, doch es verwundert, dass im frühen 19. Jahrhundert noch keiner der Autoren einem höheren Anspruch genügen konnte (oder wollte) als dem der narrativen Beschreibung von Musterpartien und Kunst-Endspielen. Selbst André Danican Philidor, der „Jüngere“ (1726-1795), bzw. dessen Analyse du jeu des échecs, in der deutschen Übersetzung von S. H. Ewald (Gotha, 1779) als Praktische Anweisung zum Schachspiel betitelt, würde ich in diese Kategorie einreihen. Erst Johann Baptist Allgaier (1763-1823) bekannte sich mit der Neuen theoretisch-praktischen Anweisung zum Schachspiel (Wien 1795) zur Preisgabe von theoretischem Wissen und zum Beschreiten von Neuland. Ab der dritten, vermehrten und verbesserten Auflage von 1811 auch in Form der algebraischen Partienotation. Nach Allgaiers Tod gab es noch drei Auflagen, die letzte von 1841 bestand aus zwei Teilen: Dem im Wesentlichen unveränderten Abdruck der fünften Auflage von 1823 und einem Anhang des Herausgebers C. de Santo Vito, der u. a. anhand zehn wohl der Encyclopédie des Échecs von 1837 entlehnten Tabellen neuere Eröffnungszüge darlegte.

alexandretabelle

Ausschnitt aus einer Tabelle der Encyclopédie

Über den Ersteller dieser revolutionär modern anmutenden Encyclopédie, Aaron (Albert) Alexandre, ist relativ wenig bekannt: Er wurde wohl zwischen 1765 und 1768 in Unterfranken geboren und stammte offenbar aus einer Rabbinerfamilie. Nach einigen Jahren in Fürth begab sich der Jude 1793 nach Straßburg und versuchte sich als Sprachlehrer, dann strebte er ins Paris der Ersten Republik, wo er Deutschunterricht gab. Später gründete er einen eigenen Schachklub, das Café de lá Echiquier, und eröffnete mit dem Hôtel de lá Echiquier eine Art Internat für seine Schüler. Dieser Einrichtung war jedoch wenig Erfolg beschieden, was den 70-Jährigen 1836 in die Pleite trieb. Trotzdem oder gerade deswegen hatte er seine viersprachige Zusammenstellung im Jahr darauf für stolze 30 Francs in Broschur feilgeboten. Der großformatige Folio bestand aus der Vorrede, 51 doppelblättrigen und nummerierten Tabellen sowie einem eingefalteten Blatt mit einer Übersicht der Eröffnungen. Zu Deutsch lautete der Untertitel: „Encyclopedie des Schachspiels oder ein in synoptischen Tabellen […] zum Vergleich zusammengestellter […] Inhalt, durch allverständliche Ziffersprache allen Nationen geeignet.“ Alexandre hatte die imposante Übersicht angeblich aus 37 von ihm als relevant angesehenen Werken kompiliert, dabei wurden die Varianten in der von Allgaier bereits verwendeten Weise nebeneinander in Kolonnen angeordnet. Der Inhalt der Tabellen spiegelt die Schwerpunkte der damaligen Schachtheorie: Nr. 1 bis 10: Läuferspiel; Nr. 11 bis 25: Springerpartie; Nr. 26 bis 30: Läufergambit und die nicht angenommenen unregelmäßigen Gambitspiele; Nr. 31 bis 41: Springergambit; Nr. 42 bis 46: Damengambit; schließlich Nr. 47 bis 51: alle unregelmäßigen Eröffnungen. Benutzt wurde die algebraische (deutsche) Notation. Während Allgaier noch zwischen 0-0r und 0-0l – also nach rechts oder links – unterschied, verwendete Alexandre als erster das Symbol 0-0-0 als verbesserte Schreibweise von 0-0C für den Königssprung aufs Feld c1 oder c8. Grundsätzlich machte die in Italien bis zum Mailänder Nationalturnier 1881 noch gebräuchliche freie Rochade jede Bewertung von Eröffnungsvarianten aus italienischen Quellen recht schwierig. Dieses Problem wurde in der Encyclopédie mit einem eigenen Zeichen mustergültig angezeigt. Alexandres Elaborat wurde später in von Bilguers Handbuch mit einer Lobeshymne bedacht: „Diese ungeheure Masse von Spielen ist zwar für den Anfänger zum Studium weniger zu benutzen, indem gute und schlechte Spiele ohne alle Bemerkungen untereinander stehen; aber zum Nachschlagen für diejenigen Spieler, welche schon mit der Sache bekannt sind, ist das Werk ungemein bequem und nützlich. Es ist für Alle, welche sich mit der Theorie der Anfangsspiele beschäftigen […] ein unentbehrliches Buch, weil man daraus sogleich ersehen kann, was über jedes Spiel bis jetzt geschrieben worden ist.“ Sehr viel kritischer sprang der in seinem Urteil stets gnadenlose Antonius van der Linde (s. auch KARL 4/2010, S. 42 ff.) 30 Jahre später in der Geschichte und Litteratur des Schachspiels (zweiter Band, S. 11) mit der „Kakografie in vier Sprachen“ um: „Alexandre’s Geduldsarbeit kam zu früh, denn es fehlten die nothwendigen litterarischen Vorarbeiten und die kritische Sichtung des Materials: Kenny 1817, Reinganum 1825, Pratt 1825, Silberschmidt 1826, Lewis´ Chess for beginners 1835, Walkers Chess made easy 1835, gehören nicht in eine Encyclopädie.“

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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