LIEBE KARL-LESER,

zu Ehren von Paul Rudolf von Bilguer, dessen Geburtstag sich am 21. September 2015 zum 200. Mal jährt, widmet sich die vorliegende Ausgabe der Geschichte der Schachtheorie. Michael Negele nimmt sich dieses Pioniers in seinem Artikel über den Beginn der modernen Schachtheorie an. Erst im Zuge der Aufklärung erschienen im frühen 19. Jahrhundert systematische Fachbücher. Zwar hatte bereits Johann Baptist Allgaier in der dritten Auflage seines Werks Neue theoretisch-praktische Anweisung zum Schachspiel 1811 die algebraische (deutsche) Notation und die Tabellenform benutzt. Aber seine erzählerische Erläuterung der Spielzüge erschwerte erheblich das Nachspielen der Partien. Für Negele sind deshalb andere die Paten der modernen Schachtheorie: Aaron Alexandre fand eine wegweisende wissenschaftliche Darstellung (s. S. 5), Carl Friedrich von Jaenisch – der übrigens auf der deutschen Wikipedia-Seite fälschlich als Carl Ferdinand Jänisch bezeichnet wird – markiert mit seiner Analyse nouvelle den inhaltlichen Beginn der systematischen Schachtheorie und dem berühmten Handbuch des Schachspiels von Paul Rudolf von Bilguer gelang Dank der Bearbeitung von Tassilo von Heydebrand und der Lasa die Symbiose aus beiden Vorgängern. Schon rasch nach Erscheinen wurde es zum Standardwerk und erreichte mit zahlreichen Auflagen bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein weite Verbreitung.

In vormoderner Zeit leiteten sich die theoretischen Empfehlungen aus der Analyse praktischer Partien ab, ohne dass es zu einer systematischen Darstellung gekommen wäre. Peter Monté zeigt jedoch in seinem Artikel über die Entstehung der Königsgambit-Theorie bis zum 17. Jahrhundert, wie umfangreich sich diese Eröffnung schon in dieser Frühzeit entwickelte. Dabei kam es immer wieder zu falschen Zuschreibungen, weshalb der Text auch ein Plädoyer für eine neue Nomenklatur ist. Nebenbei erzählt der Autor, wie es allmählich zu einem Konsens hinsichtlich der Schachregeln kam.

Michael Ehn beschäftigt sich mit der spannenden Entwicklungsgeschichte der viel jüngeren Benoni-Variante und kann mit vielen Irrtümern hinsichtlich ihrer Herkunft aufräumen. Er zeigt den Aufstieg von einem wenig beachteten und als unzureichend geltendem Abspiel zu einer modernen Verteidigung mit Gift.

Komplexer als die Geschichte der Eröffnung ist die der Mittelspieltheorie. Großmeister Mihail Marin macht deutlich, wie Motive über Jahrhunderte hinweg Verwendung finden und wie stark schon im 17. und 18. Jahrhundert gespielt wurde. Bemerkenswert ist seine abschließende Bewertung hinsichtlich des schachlichen Fortschritts.

IM Herbert Bastian spannt in seinem Beitrag über die Entwicklung des Endspiels den Bogen von den ersten Kompositionen bis in unsere Gegenwart. Er geht der Frage nach, wie Endspielideen entdeckt und weiterentwickelt wurden. Und er kann zeigen, dass selbst eine berühmte Studie von Lasker nicht ohne Vorbilder entstanden ist.

Im Porträt kommt mit Hartmut Metz ein journalistischer Kollege zu Wort. Der Vielschreiber hat dazu beigetragen, ein WM-Match zu retten und den ersten großen elektronischen Betrugsskandal aufzudecken. Und auch schachlich hat der FIDE-Meister viele Erfolge vorzuweisen, den größten zweifellos gegen Viktor Kortschnoi.

Harry Schaack

 

 

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