SCHARFER STIL

VON HARRY SCHAACK

 

Wenn es um Schachporträts geht, stehen in der Gunst des Publikums zwei Personen ganz vorne: Bobby Fischer und Mihail Tal. Nicht von ungefähr hat ChessBase seine Reihe "Master Class" mit diesen beiden Schachlegenden begonnen. Jetzt ist die DVD über den Magier aus Riga erschienen.

Die Porträts in dieser Reihe sind immer gleich aufgebaut. Die einzelnen Partieteile - Eröffnung, Strategie, Endspiel und Taktik - werden gesondert untersucht und damit der schachliche Stil herausgearbeitet.

Dorian Rogozenco widmet sich der Eröffnung, die nicht unbedingt zu Tals Stärken gehörte. Er war sehr vielseitig, spielte mit Weiß fast alles, aber 1.e4 lag ihm am meisten, weil er damit offene Stellungen erreichte, die seinem taktischen Spiel entgegenkamen. Mit Schwarz bevorzugte er diverse Abspiele im Sizilianer, spielte aber auch 1...c6 und 1...e5. Auf d4 war seine Haupteröffnung Nimzoindisch, aber auch Tarrasch, Königsindisch oder Benoni. Tal versuchte stets, schon in der frühen Eröffnungsphase um Initiative zu kämpfen, auch wenn dies mit materiellen Opfern einherging.

Typisch für Tal waren seine intuitiven Opfer, die zu chaotischen Stellungen führten. Oft brachen seine Gegner unter dem Druck zu­sammen. Es ist sehr schwer, solche Opfer am Brett zu widerlegen. Tal schaffte es sehr häufig, auch in ruhigen Eröffnungen scharfe Stellungen herbeizuführen.

Als Tal in den Siebzigern als Sekundant mit Karpow zusammenarbeitete, erweiterte er sein Eröffnungsrepertoire. Er ist stabiler und flexibler geworden. Doch sein Ansatz in der Eröffnung war stets mehr von Inspiration als von harter Arbeit geprägt.

Strategie ist ein Begriff, den man mit dem Rigaer nicht unbedingt in Verbindung bringt. Aber Mihail Marin gelingt es zu zeigen, dass Tals gesamter Spielanlage eine tiefere Methode zugrunde liegt, was er am Wettkampf gegen Botwinnik zeigt, der den Höhepunkt in Tals Laufbahn darstellt. Tal ist damals alles gelungen. Vor allem seine Variabilität in der Eröffnung hatte in diesem Wettkampf eine große Bedeutung. Er lockte Botwinnik oft in taktische Stellungen, selbst wenn sie für ihn nachteilig waren. Die elfte Partie des ersten Wettkampfes nennt Tal die entscheidende, was etwas verwundert, denn das Match war auf 24 Partien angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tal nur einen Punkt Vorsprung. Aber er gewann eine positionelle Partie. Davor mag Botwinnik gedacht haben, dass er taktisch gelegentlich schwächelt. Aber als Botwinnik jetzt positionell überspielt wurde, war klar, dass Tal der bessere Spieler war. Diese Niederlage kam einem psychologischen Knock-out gleich.

Beim Rückkampf 1961 war Tal krank und außer Form. Aber auch in den Eröffnungen zeigte er keine Flexibilität mehr und spielte ausschließlich 1.e4, obwohl er damit große Probleme hatte.

Tals Stil hat sich entwickelt. Er hat zwar in späteren Jahren seine taktischen Fähigkeiten nicht verloren, aber sein Stil war mehr positionell begründet. Doch Marin zeigt, dass auch der alte Tal seine Inspiration nicht immer zügeln konnte und gelegentlich übermütige Taktik über gesundes positionelles Verständnis dominierte. Sobald Tal von einer interessanten Abwicklung fasziniert war, verließ er gerne den Pfad der Tugend.

Oliver Reeh widmet sich dem Markenzeichen Tals, der Taktik. Die einzelnen Beispiele werden interaktiv besprochen, Reeh stellt immer wieder Fragen an seine Zuschauer, die den richtigen Zug auf dem Bildschirmbrett ausführen müssen.

Tals Fähigkeiten im Endspiel werden gerne
vergessen, weil vor allem seine glanzvollen
taktischen Siege in Erinnerung sind. Dabei hat er in diesem Bereich einige erstaunliche Leistungen vollbracht, wie Karsten Müller zeigt. Manchen wird es überraschen, dass sich Tals Magie auch im Endspiel offenbart. Doch oft schafft der achte Weltmeister auch hier das scheinbar Unmögliche. Insbesondere seine Rettungsaktionen sind beeindruckend.

Auf der DVD findet sich auch eine Kurzbiographie sowie alle Partien Tals. Und wohl wie bei keinem anderen eignet sich Tals schachliches Schaffen zum Taktik-Test. An 245 Aufgaben, die mit kleinen Erklärungen garniert sind, kann der Benutzer auf Tals Spuren wandeln.

Die MasterClass-Reihe hat ein interessantes Konzept, weil sie nicht nur den Stil eines
Spielers samt Stärken und Schwächen darlegt, sondern den User auch noch im Endspiel- und Taktikbereich interaktiv einbindet. So ist diese DVD auch von praktischem Nutzen.


cbtal

Dorian Rogozenco,
Dr. Karsten Müller,
Mihail Marin,
Oliver Reeh,
Master Class Band 2:
Mihail Tal,
Chess­Base-DVD,
4,22 Stunden Spielzeit,
29,90 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von ChessBase
zur Verfügung gestellt.