EIN GROSSER GLÜCKSFALL

Rainer Woisin liegt das Schulschach am Herzen. Schon seit langem setzt er sich für die Initiative „Schach als Fach“ ein. KARL sprach mit dem Geschäftsführer von ChessBase über das Alsteruferturnier, starke Partner aus der Wirtschaft und positive Entwicklungen im Hamburger Schulschach.

(Das Interview ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/13)

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Foto ©: Harry Schaack

KARL: Seit wann sind Sie mit dem Alsteruferturnier verbunden?
RAINER WOISIN: Heute unterstützen wir mit ChessBase die Veranstaltung. Seit den Siebzigern habe ich regelmäßig daran teilgenommen, zunächst als Schüler, später als Trainer der Schachelschweine.

Die Schachelschweine sind aus einer der ältesten und größten Schulschachgruppen Deutschlands hervorgegangen ...
Ich lernte Schach in der schon 1958 gegründeten Schachgemeinschaft der Heinrich-Hertz-Schule.

Diese Schulschachgruppe war zunächst dem Hamburger Schachklub angeschlossen, wurde aber 1990 als „SC Schachelschweine e.V.“ eigenständig.
Was hat Sie an der Gruppe gereizt?

Es war die Idee des gegenseitigen Helfens, die eine besondere Atmosphäre entstehen ließ. Das hat mich fasziniert. Wenn ein älterer einem jüngeren Schüler etwas erklärt, entsteht viel an zusätzlicher Interaktion. Man erlernt Fähigkeiten zur Wissensvermittlung. Der Leistungsgedanke war nie das tragende Motiv dieser Schulschachgruppe, obgleich es in der Frühzeit tatsächlich viele große Erfolge gab. Trotzdem zählte die Gruppe schnell über hundert Schüler. Alle haben ordentlich Schach gespielt, doch sozialadäquates Verhalten und verantwortungsbewusstes Handeln standen im Vordergrund. Titel waren nicht so entscheidend. Die Gruppe war organisiert wie ein Verein. Sie wählte ihren eigenen Vorstand und führte die Buchhaltung selbst. Es war ein Refugium, in dem die Kinder demokratische Prozesse konkret erlernen konnten.

Vor einigen Jahren sollte diese Schule – wie viele andere in Hamburg auch – wegen zu geringer Schülerzahlen geschlossen werden. Die Angelegenheit avancierte zum Politikum.
Es gab einen großen Aufschrei, denn damit war die traditionelle, über Jahrzehnte bestehende Schachgruppe direkt bedroht. Wie viele andere auch habe ich mich dafür eingesetzt, diese Gruppe zu retten. Die Schüler haben ein unglaubliches Engagement gezeigt und waren über Monate hinweg fast jeden Tag aktiv. Sie schrieben Petitionen an die Bürgerschaftsabgeordneten, organisierten Aktionen auf dem Rathausmarkt, darunter eine Lebendschach-Demonstration, und haben auf den Fluren der Schulbehörde Schach gespielt. Sie forderten die ganze Stadt heraus, gegen sie Schach zu spielen, woraus ein Massenevent mit hundert Schülern entstand. All dies fand seinen medialen Niederschlag, der einen gewaltigen Pressedruck erzeugte ...

… der schließlich den gewünschten Erfolg brachte.
Das war spektakulär. Einerseits hatte ich starke Zweifel, ob überhaupt ein Umdenken bei den Verantwortlichen zu erreichen ist. Die Schließung der Bildungseinrichtung konnte zwar nicht verhindert werden. Aber die Parteien aller politischen Couleur waren überzeugt, dass man unabhängig davon die Schulschachgruppe retten muss. Die Schulsenatorin stellte ein Ersatz-Spiellokal, die „Villa Finkenau“, wo die Gruppe nun selbstverwaltend in festen Räumlichkeiten spielen kann.

Die Aktion war auch ein politischer Lernprozess ...
… und ein großer demokratischer Erfolg der Schüler. Sie haben erfahren, wie man sich für seine Rechte in diesem Staat stark machen und erfolgreich wehren kann – eine einmalige politisch-pädagogische Erfahrung!

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Foto ©: Harry Schaack


Das Alsteruferturnier ist zwar damit nicht zu vergleichen, aber eine starke Verbundenheit unter den Teilnehmern scheint es auch hier zu geben.
Es war jedes Mal ein gewaltiges Erlebnis, wenn wir mit so vielen Schulmannschaften gemeinsam in das riesige Kongresszentrum gezogen sind und uns mit hunderten anderer Schüler gemessen haben. Weil man nur eine einzige Partie spielt, ist der sportliche Wert der Veranstaltung gering. Aber durch die Gemeinschaft mit all den Anderen entsteht ein ganz besonderer Zauber. Das Alsterferturnier ist allein schon wegen der schieren Größe für die
Kinder überwältigend.

Dem Besucher fällt auf, wie groß trotz des zweitrangigen sportlichen Wertes die Begeisterung der Kinder ist, wenn es zur Ergebnisverkündung kommt.
Hunderte Kinder bleiben bis zur Preisverleihung, nur wenige gehen direkt nach der Partie. Die meisten wollen auch das Ende erleben. Es gibt einen Pokal, und auf der großen Bühne wird das Ereignis mit Fernsehteams, Hörfunkreportern, Journalisten und Fotografen professionell präsentiert. So einen Trubel erleben die Schüler in ihrer Sportart Schach normalerweise nicht. Sie werden wahrgenommen und stehen im Mittelpunkt des Interesses. Das ist für viele Kinder eine neue und außergewöhnliche Erfahrung.

Seit wann engagiert sich ChessBase für die Veranstaltung?
Seit Björn Lengwenus vor sechs Jahren die Turnierorganisation übernommen hat. Björn wollte neue Impulse setzen und ich unterstützte ihn dabei. Wir kennen uns schon ewig, er ist ein alter Freund aus der Schachelschweingruppe.

In welchem Rahmen unterstützt ChessBase das Turnier?
Wir haben uns finanziell in die Bühnengestaltung eingebracht, damit sie der Veranstaltung gerecht wird. Eine adäquate Präsentation mit ansprechender Dekoration und ordentlicher Ausleuchtung war unser Anspruch. Die Medienvertreter sollen auch von der Bühne her erkennen, dass dieses Turnier etwas Einzigartiges ist. Wir lassen uns immer etwas Originelles für die Eröffnungszeremonie einfallen. In diesem Jahr sorgten wir für die Liveschaltung nach London, wo eine englische gegen eine Hamburger Schulklasse online spielte. Zudem stiften wir stets viele Preise und sind an Aktivitäten im Foyer beteiligt, wo ein Marktplatz diverser Schachaktivitäten stattfindet. Auch bei der Suche nach Sponsoren sind wir behilflich.

Sie haben bereits die positive Außenwirkung der Veranstaltung erwähnt und das mediale Echo, das das Alsteruferturnier erreicht. Es ist eine etablierte Veranstaltung. Die Unterstützung von Schulen und Kindern hat ein positives Image. Dennoch scheint es schwer zu sein, dafür Sponsoren zu finden.
Nach wie vor wird von Entscheidungsträgern in großen Unternehmen die Bedeutung des Schachs völlig unterschätzt. Sportarten wie Fußball sind wichtiger, weil sie große Außenwirkung haben. Schach ist eine Randsportart. Da spielt es auch keine Rolle, welche Dimension ein Turnier hat. Weil das Thema Schach in der Gesellschaft und im Alltag zu wenig präsent ist, dringt man gar nicht zu den Verantwortlichen vor.

Man braucht also schach-affine Ansprechpartner, um etwas zu erreichen?
Ja, Leute, die schon etwas mit Schach zu tun hatten. Zwar haben sich in den letzten Jahren einige Sponsoren dem Alsteruferturnier angenommen, doch die waren nicht mit dem Herzen dabei.

Es gab in der Vergangenheit viele Unterstützer, die nicht das Potential der Veranstaltung erkannt haben.

Da in den letzten 50 Jahren etwa 100.000 Kinder durch das Alsteruferturnier durchgelaufen sind, müsste doch der eine oder andere in verantwortlicher Stelle hängengeblieben sein.
Das haben wir uns auch gedacht, doch es war uns trotz zahlreicher Anfragen kein durchschlagender Erfolg beschieden. Mit dem neuen Sponsor Barclaycard Deutschland haben wir endlich einen Mitstreiter gefunden, der die Chancen dieses Turniers erkennt. Das Unternehmen engagiert sich nicht nur mit einer Geldleistung, sondern überzeugt seine Mitarbeiter, sich persönlich an der Turnierorganisation zu beteiligen. Die Idee scheint auch bei der Barclays Group, der Muttergesellschaft von Barclaycard, auf Gegenliebe zu stoßen, denn der CEO war zum diesjährigen Turnier aus London zugeschaltet. Das ist ein großer Glücksfall.

Die Belegschaft von Barclaycard wird für das Alsteruferturnier freigestellt …
… und hat dadurch eine direkte Identifikation mit dem Event. Die Mitarbeiter helfen, ohne etwas vorschreiben zu wollen, und lassen trotzdem eigene Ideen einfließen. Das ist einzigartig und schlägt sich nach der diesjährigen Generalprobe schon im Ergebnis nieder.

Wird sich Barclaycard über das Alsteruferturnier hinaus für das Schach engagieren?
Barclaycard erkennt die Chancen, die im Schach als Unterrichtsfach liegen. Wir sind zuversichtlich, mit diesem Unternehmen nachhaltig und langfristig kooperieren zu können.

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DAS INTERVIEW FÜHRTE HARRY SCHAACK

(Das Interview ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/13)