LIEBE KARL-LESER,

Schulschach ist zweifellos ein großes Thema. Es hat das Potenzial, das Schachspiel in breiten gesellschaftlichen Schichten zu etablieren und so den Status des Spiels zu verändern. In den letzten zwei, drei Jahren hat Schulschach einen enormen Aufschwung erlebt und ist heute der progressivste Bereich der gesamten Schachlandschaft. Viele Prominente wie Exweltmeister Garri Kasparow und die Polgar-Schwestern machen sich für das Thema stark. Die rasch wachsenden Schulschach-Gruppen sind mittlerweile zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Dieser Boom übt auch bildungspolitischen Druck auf die Kultusminister aus. Heute gibt es konkrete Überlegungen, in einigen Bundesländern Schach als Fach einzuführen. Testschulen gibt es schon.

International kann kein Land im Schulschach auf eine so lange Tradition zurückblicken wie Deutschland. Hier ist es schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im berühmten Schachdorf Ströbeck „erfunden“ worden. Seit Ende der fünfziger Jahre hat es Christian Zickelbein in Hamburg vorangetrieben, wodurch die Elbstadt bald zur Schulschachmetropole avancierte. Die erste Schulschach-AG in der Bundesrepublik gab es aber vermutlich im mittelfränkischen Bad Windsheim, wo der Pionier Hans Kaiser zum Schuljahr 1955/56 seine Arbeit am ansässigen Gymnasium aufnahm und über Jahrzehnte engagiert fortführte.

Bei unseren Recherchen zu dieser Ausgabe haben wir überall im Land Menschen getroffen, die sich dem Thema Schulschach mit größter Leidenschaft widmen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Schulschachgruppen, die Konzepte sind aber höchst unterschiedlich. Einige der erfolgreichsten Projekte, wie die Münchener Schachakademie, Horst Leckners Schulschach-Verein im Landkreis Miesbach oder die Magdeburger Schachzwerge stellen wir ihnen vor.

Es gibt einige kontrovers diskutierte Punkte im Schulschach, über die noch kein Konsens herrscht. Zum einen gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Schul- und Vereinsschach – also zwischen Breiten- und Leistungssport. Die Frage ist, wie die Vereine vom Schulschach profitieren können. Damit einher geht die Kontroverse, ob man eher das kompetitive Wettkampfschach oder die positiven Sekundäreigenschaften wie Konzentration, Strategie, Vorausdenken und Spaß im Schulschach in den
Vordergrund stellen soll. Unterschiedlich sind auch die Auffassungen, ob es besser ist, Schach als Pflicht- oder als Wahlfach zu etablieren. Und schließlich gibt es ein Vernetzungsproblem. Viele Anbieter arbeiten völlig eigenständig und wissen nichts voneinander, was eine zentrale Koordination sehr erschwert.

Die vorliegende Ausgabe will denjenigen, die in der Schule Schach anbieten möchten, Anregungen zum methodischen Schachunterricht geben. Dieser KARL ist auch ein informatives Nachschlagewerk mit vielen Kontaktadressen. Nicht zuletzt hoffen wir damit, einen Beitrag zur besseren Vernetzung im Schulschach zu leisten.

Harry Schaack

 

 

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