EINBLICKE UND DUELLE

VON HARRY SCHAACK


Yasser Seirawan war einer der besten amerikanischen Spieler in den Achtzigern und Neunzigern. Zwischenzeitlich zählte er zu den Top 10 der Welt. Bis heute ist er als Kommentator ein steter Gast bei großen Ereignissen, spielen tut er nur noch selten. Während seiner etwa 25 Jahre währenden Schachlaufbahn spielte er gegen viele Weltmeister. Sein eben bei Everyman in Hardcover erschienenes Buch Chess Duels präsentiert seine Partien gegen einige dieser Giganten des Schachs.

Dieser Band ist jedoch mehr als nur eine Partiensammlung gegen die „Champions“, wie der etwas irreführende Untertitel vermuten ließe. Es sind nicht zuletzt die kleinen, witzig erzählten Geschichten persönlicher Begegnungen, die das Buch zu einem Schatzkästlein machen. Den chronologischen Leitfaden des Buches gibt Seirawans eigener Lebensweg, den er mit wichtigen Ereignissen wie der Gründung und dem Ende der Spielervereinigungen GMA und der PCA, der Spaltung der Schachwelt, bis hin zum Prager Agreement 2002, verbindet. Dabei gibt er erstaunliche private Einblicke in die Höhen und Tiefen seiner Karriere.

Seirawans Biographie liest sich teilweise wie ein Abenteuerroman: Sohn einer Engländerin und eines Syrers, geboren in Damaskus, dann übergesiedelt nach England und später in die USA, wo sich seine Eltern trennen. Seine Mutter heiratet einen buddhistischen Mönch, gleitet ab ins Spirituelle, später eine dritte Ehe. Häufige Ortswechsel prägen Yasser, der schon früh ehrgeizig ist und bald im Schach rasche Fortschritte macht. Schnell wird er Weltklassespieler, amerikanischer Meister und vertritt die USA bei Olympiaden, wo er z.B. in Moskau 1980 den Brettpreis erringt.
Als 1975 Keres in Vancouver spielte, sah er die Schachlegende live und war begeistert von dessen Spiel und Auftreten. Es war eine
wichtige Initialzündung, so wie es Fischer zuvor war, der mit seinem Match 1972 einen wahren Schachboom auslöste. Amerika und Seirawan verehrten ihren Helden. Erst 1992, am Rande des Wettkampfs in Sveti Stefan, traf er schließlich Fischer persönlich, sprach mit ihm – und fiel in Ungnade, weil er ein Buch über dieses Rematch gegen Spasski schrieb, in dem er auch über sein Gespräch mit dem medienscheuen Star berichtete.

Als der frisch gebackene Junioren-Weltmeister 1980 in Wijk aan Zee debütierte, spielte er auch gegen den großen Kortschnoi – und gewann. Danach hatte er die Chuzpe zu fragen, ob er noch mit ihm analysieren wolle. Kortschnoi hasste das Verlieren und analysierte gewöhnlich nie seine Verlustpartien mit seinen Gegnern. Aber irgendwie war er beeindruckt, hatte Sympathien für den Jungen, und dieses Gefühl wich auch in der Analyse nicht. Wenig später fragte er kurzerhand, ob Seirawan sein Sekundant bei der WM in Meran 1981 gegen Karpow werden wolle. Seirawan war wie vom Blitz getroffen: Er spielt sein erstes Weltklasseturnier und erhält obendrauf noch eine solche Offerte von einer lebenden Legende …

1985 traf Seirawan erstmals auf den 7. Weltmeister Wassili Smyslow. Nachdem der damals 64-Jährige seinen ersten Zug ausführte, war Seirawan schockiert. Smyslow zog seinen
Bauern nicht elegant „wie eine gut geölte Maschine, die schon tausende Züge ausgeführt hat“. Er bewegte seinen Bauern unbeholfen, zitterte ihn nach vorne und ließ ihn einfach
fallen, so dass er erst nach einiger Erschütterung zur Ruhe kam. Auch das Schlagen war seltsam, denn er nahm zunächst die geschlagene Figur vom Brett und setzte erst danach den schlagenden Stein auf das frei gewordene Feld. Erst später realisierte Seirawan, dass Smyslow zu diesem Zeitpunkt schon sehr schlecht sah, am Ende seines Lebens war er fast blind.

Gegen Tal hat Seirawan ein unglaubliches Ergebnis vorzuweisen: Die ersten vier Partien gewann er allesamt, nur die letzte endete in einem Kurzremis. Er selbst kann sich dieses Ergebnis gegen einen der sichersten Spieler der Welt, der in den Siebzigern mit zwei Serien von 86 bzw. 95 Partien ohne Niederlage Rekorde aufstellte, bis heute nicht erklären. Dem Ansehen Tals hat es nicht geschadet. Seirawan schätzte und verehrte ihn über die Maßen.

Gegen Spasski hatte Seirawan dagegen ein hartes Leben. Nur einmal konnte er gewinnen, mit 3,5:6,5 unterlag er im Gesamtklassement deutlich.
Mit Petrosjan spielte er nur eine Turnierpartie, die Remis endete, versucht aber trotz des Resultates das Bild vom „friedlichen“ Weltmeister etwas zu korrigieren.

Die K&K-Kapitel nehmen den größten Raum des Buches ein. Als Amerikaner und Fischer-Fan akzeptierte Seirawan Karpow zunächst nicht als echten Champion. Als dieser aber dann in einer zuvor kaum gekannten Überlegenheit das Weltschach dominierte – so wie man es von Fischer erhofft hatte – wandelte sich seine anfängliche Abneigung in große Achtung. Die enormen Erfolge Karpows führten dazu, dass der Russe heute in Seirawans subjektiver Rangliste der besten Spieler der Schachgeschichte noch vor Fischer Platz 2 belegt. Und dabei war er nur einen einzigen Sieg davon entfernt, der beste Spieler der Geschichte zu werden. Seirawan glaubt, wie viele andere auch, dass er mit einem 6:0 im Wettkampf 1984 Kasparow einen psychologischen Schlag versetzt hätte, von dem er sich nicht mehr erholt hätte. Vielleicht wäre Karpow eine weitere Dekade auf dem Schachthron gewesen. Wir werden es nie wissen.

Die beginnende Feindschaft der beiden dominierenden Spieler der achtziger Jahre verfolgte Seirawan am Rande der Olympiade in Malta 1980 aus nächster Nähe. Karpow und Kasparow waren sich schon damals überhaupt nicht „grün“. Nachdem Karpow über die Stellung seines an Brett 4 agierenden Mitspielers offen lachte, flüsterte im Gegenzug Kasparow Karpows Gegner ins Ohr, das Anatoli bald Remis anbieten werde, er aber besser stehe und weiterspielen solle.

Gegen den damals amtierenden Weltmeister Karpow, der zwischen 1975 und 1985 sehr selten verlor, gelangen Seirawan gleich zwei Siege, wenn auch das Gesamtergebnis von 5,5:7,5 leicht negativ ausfällt.

Mit dem jungen Kasparow verbindet Seirawan noch ein weiteres Ereignis aus dem Jahr 1983. Zusammen mit Ljubojevic und Timman beobachtete er den baldigen Weltmeister bei der Analyse mit Spasski. Es war ein magischer Moment: Obwohl Garri verloren hatte, präsentierte er wie eine „Kalkulationsmaschine“ in atemberaubender Geschwindigkeit eine Variante nach der anderen. Spasski blieb nichts anderes übrig, als sich auf Kommentare wie „Ja, natürlich“, „Sicher“ oder „Sehr interessant“ zu beschränken. Seirawan und die anderen großmeisterlichen Augenzeugen waren sprachlos. Spätestens seit diesem Moment bewunderte
Seirawan Kasparow, nicht nur wegen seines Schachs, sondern wegen seines Auftretens. Gegen ihn verlor er insgesamt mit 2:4, wobei er eine Partie gewinnen konnte.

Seirawans Gesamterfolg in klassischen Turnierpartien gegen die Besten der Besten beträgt erstaunliche 18,5:21,5.
Chess Duels ist eine Geschichte der Weltmeisterschaften, eine bunte Biographie, eine Fundgrube an Anekdoten hinter den Kulissen, ein literarischer Genuss gespickt mit brillanten Schachpartien, kurz: ein wunderbares Buch!

Wer mehr von Seirawan erfahren will, dem sei die Chessbase DVD My Best Games ans Herz gelegt, auf der der Autor nicht nur weitere Glanzpartien präsentiert, sondern durch einige Überschneidungen auch Teile dieses Buches selbst erzählt.


chess duels

Yasser Seirawan,
Chess Duels:
My Games with the
World Champions,
Everyman 2010,
432 S., Hardcover,
24,95 Euro

seirawans best games

Yasser Seirawan,
My Best Games,
DVD, Chess Base 2010,
32,90 Euro

 

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.