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EINBLICKE UND DUELLE VON HARRY SCHAACK
Dieser Band ist jedoch mehr als nur eine Partiensammlung gegen die „Champions“, wie der etwas irreführende Untertitel vermuten ließe. Es sind nicht zuletzt die kleinen, witzig erzählten Geschichten persönlicher Begegnungen, die das Buch zu einem Schatzkästlein machen. Den chronologischen Leitfaden des Buches gibt Seirawans eigener Lebensweg, den er mit wichtigen Ereignissen wie der Gründung und dem Ende der Spielervereinigungen GMA und der PCA, der Spaltung der Schachwelt, bis hin zum Prager Agreement 2002, verbindet. Dabei gibt er erstaunliche private Einblicke in die Höhen und Tiefen seiner Karriere. Seirawans Biographie liest sich teilweise wie ein Abenteuerroman: Sohn einer Engländerin und eines Syrers, geboren in Damaskus, dann übergesiedelt nach England und später in die USA, wo sich seine Eltern trennen. Seine Mutter
heiratet einen buddhistischen Mönch, gleitet ab ins Spirituelle, später eine dritte Ehe. Häufige Ortswechsel prägen Yasser, der schon früh ehrgeizig ist und bald im Schach rasche Fortschritte macht. Schnell wird er Weltklassespieler,
amerikanischer Meister und vertritt die USA bei Olympiaden, wo er z.B. in Moskau 1980 den Brettpreis erringt. Als der frisch gebackene Junioren-Weltmeister 1980 in Wijk aan Zee debütierte, spielte er auch gegen den großen Kortschnoi – und gewann. Danach hatte er die Chuzpe zu fragen, ob er noch mit ihm analysieren wolle. Kortschnoi hasste das Verlieren und analysierte gewöhnlich nie seine Verlustpartien mit seinen Gegnern. Aber irgendwie war er beeindruckt, hatte Sympathien für den Jungen, und dieses Gefühl wich auch in der Analyse nicht. Wenig später fragte er kurzerhand, ob Seirawan sein Sekundant bei der WM in Meran 1981 gegen Karpow werden wolle. Seirawan war wie vom Blitz getroffen: Er spielt sein erstes Weltklasseturnier und erhält obendrauf noch eine solche Offerte von einer lebenden Legende … 1985 traf Seirawan erstmals auf den 7. Weltmeister Wassili Smyslow. Nachdem der damals 64-Jährige seinen ersten Zug ausführte, war
Seirawan schockiert. Smyslow zog seinen Gegen Tal hat Seirawan ein unglaubliches Ergebnis vorzuweisen: Die ersten vier Partien gewann er allesamt, nur die letzte endete in einem Kurzremis. Er selbst kann sich dieses Ergebnis gegen einen der sichersten Spieler der Welt, der in den Siebzigern mit zwei Serien von 86 bzw. 95 Partien ohne Niederlage Rekorde aufstellte, bis heute nicht erklären. Dem Ansehen Tals hat es nicht geschadet. Seirawan schätzte und verehrte ihn über die Maßen. Gegen Spasski hatte Seirawan dagegen ein
hartes Leben. Nur einmal konnte er gewinnen, mit 3,5:6,5 unterlag er im Gesamtklassement deutlich. Die K&K-Kapitel nehmen den größten Raum des Buches ein. Als Amerikaner und Fischer-Fan akzeptierte Seirawan Karpow zunächst nicht als echten Champion. Als dieser aber dann in einer zuvor kaum gekannten Überlegenheit das Weltschach dominierte – so wie man es von Fischer erhofft hatte – wandelte sich seine anfängliche Abneigung in große Achtung. Die enormen Erfolge Karpows führten dazu, dass der Russe heute in Seirawans subjektiver Rangliste der besten Spieler der Schachgeschichte noch vor Fischer Platz 2 belegt. Und dabei war er nur einen einzigen Sieg davon entfernt, der beste Spieler der Geschichte zu werden. Seirawan glaubt, wie viele andere auch, dass er mit einem 6:0 im Wettkampf 1984 Kasparow einen psychologischen Schlag versetzt hätte, von dem er sich nicht mehr erholt hätte. Vielleicht wäre Karpow eine weitere Dekade auf dem Schachthron gewesen. Wir werden es nie wissen. Die beginnende Feindschaft der beiden dominierenden Spieler der achtziger Jahre verfolgte Seirawan am Rande der Olympiade in Malta 1980 aus nächster Nähe. Karpow und Kasparow waren sich schon damals überhaupt nicht „grün“. Nachdem Karpow über die Stellung seines an Brett 4 agierenden Mitspielers offen lachte, flüsterte im Gegenzug Kasparow Karpows Gegner ins Ohr, das Anatoli bald Remis anbieten werde, er aber besser stehe und weiterspielen solle. Gegen den damals amtierenden Weltmeister Karpow, der zwischen 1975 und 1985 sehr selten verlor, gelangen Seirawan gleich zwei Siege, wenn auch das Gesamtergebnis von 5,5:7,5 leicht negativ ausfällt. Mit dem jungen Kasparow verbindet Seirawan noch ein weiteres Ereignis aus dem Jahr 1983. Zusammen mit Ljubojevic und Timman beobachtete er den baldigen Weltmeister bei der Analyse mit Spasski. Es war ein magischer Moment: Obwohl Garri verloren hatte,
präsentierte er wie eine „Kalkulationsmaschine“ in atemberaubender Geschwindigkeit eine
Variante nach der anderen. Spasski blieb nichts anderes übrig, als sich auf Kommentare wie „Ja, natürlich“, „Sicher“ oder „Sehr interessant“ zu beschränken. Seirawan und die anderen großmeisterlichen Augenzeugen waren sprachlos. Spätestens seit diesem Moment bewunderte Seirawans Gesamterfolg in klassischen Turnierpartien gegen die Besten der Besten beträgt erstaunliche 18,5:21,5. Wer mehr von Seirawan erfahren will, dem sei die Chessbase DVD My Best Games ans Herz gelegt, auf der der Autor nicht nur weitere Glanzpartien präsentiert, sondern durch einige Überschneidungen auch Teile dieses Buches selbst erzählt.
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Yasser Seirawan,
Yasser Seirawan,
Das Rezensionsexemplar |
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