ALLES HALB SO SCHLIMM

Von Gefahr und Sinn des Spielens ohne Brett

VON JOHANNES FISCHER

 

Blind-Simultan ... ist stets eine Herausforderung und ... schön, wenn man sie bewältigt“ erklärt Vlastimil Hort (V. Hort, Begegnungen am Schachbrett, Düsseldorf: Rau 1984, S.87). Hort weiß, wovon er spricht. Er hat im Laufe seiner Schachkarriere zahlreiche Schachfans und Laien mit seinen Fähigkeiten im Blindspiel beeindruckt. Möglich, dass so mancher Verein neue Mitglieder bekommen hat, weil jemand Hort beim Blindspiel zugeschaut hat. Blindspiel ist Schach pur. Keine Figur, die gezogen, keine Uhr, die gedrückt, kein Zug, der notiert werden muss. Der Blindspieler denkt nur noch. Doch bei aller
Faszination für diese Art des Schachs gab es auch immer skeptische Stimmen, ein Zwiespalt, der bereits in den Reaktionen auf Philidors Blindspiel deutlich wurde.

 

 

GETEILTE MEINUNGEN
So berichtete eine Zeitung am 8. Mai 1783 anlässlich einer Blindsimultanvorstellung des Franzosen: „Gestern gab Herr Philidor im Schach Club in der St. James Street eine dieser wundervollen Vorführungen, für die er so gefeiert wird. Er spielte drei verschiedene Partien gleichzeitig, ohne eines der Bretter zu sehen. ... Für diejenigen, die etwas vom Schach verstehen, muß diese Ausübung von Herrn Philidors Fähigkeiten als eines der größten Dinge erscheinen, zu denen das menschliche Gedächtnis in der Lage ist...“ (zitiert in Susanna Poldauf, Philidor: Eine einzigartige Verbindung von Schach und Musik, Berlin: Exzelsior Verlag, S. 96). Auch die Morning Post vom 28. Mai 1782 schrieb bewundernd: „diese Vorführung, zugleich interessant und erstaunlich, erscheint vollkommen übernatürlich und verdient es zweifellos als Beweis für die Kraft des menschlichen Verstandes überliefert zu werden“ (zitiert in Poldauf, S.97). Die Londoner Zeitung World bezeichnet Philidors Leistung im Blindspiel sogar als „ein Phänomen in der Geschichte des Menschen, das zu den besten Beispielen menschlichen Geistes und Gedächtnisses gezählt werden sollte“ (zitiert in Poldauf, S.100).
Denis Diderot hingegen, ein guter Freund Philidors und einer der bedeutendsten Intellektuellen der damaligen Zeit, war nicht beeindruckt und warnte Philidor vor den Gefahren des Blindspiels: „Wenn Sie die drei Partien, ohne sie zu sehen, gespielt haben, ohne dass sich ein wichtiges Interesse für Sie damit verband, so muß
ich sagen: ‘Ich wäre geneigt, Ihnen zu verzeihen, wenn Sie dafür 500 oder 600 Guineen erhalten hätten; aber seinen Verstand und sein Talent für nichts zu riskieren, das begreift man nicht.’“ (zitiert in Poldauf, S. 103)

DER WAHN VOM WAHNSINN
Damit schlägt Diderot ein Thema an, das in Zukunft unzertrennlicher Begleiter des Blindschachs sein wird: die vermeintliche Gefahr, der Blindspieler könne durch übergroße geistige Anstrengungen verrückt werden. „Normales“ Schach wird gerne mit Wahnsinn assoziiert, aber Blindschach noch viel mehr. Kaum jemand spricht von Morphys geistiger Erkrankung in späteren Jahren ohne seine Leistungen im Blindschach zu erwähnen, ebenso wie bei Erzählungen von Pillsburys frühem Tod selten der Hinweis auf seine Blindsimultanvorstellungen und Gedächtniskunststücke fehlt. Über die Gefahren des Blindschachs sagt das eine so wenig aus wie das andere. Pillsbury ging an Syphilis zugrunde und Morphy hatte dem Schach schon lange abgeschworen, als er verrückt wurde. Morphys Problem war auch nicht die zu große, sondern die fehlende Leidenschaft für das Schach. Ihm genügte es nicht ein Genie und der beste Schachspieler der Welt zu sein, sondern er wollte seine anderen Talente ebenfalls gewürdigt wissen. Tatsächlich ist kein Fall bekannt, in dem ein Schachspieler durch übermäßiges Blindspiel den Verstand verloren hätte. Lediglich Najdorf berichtet, er hätte nach seiner Blindsimultanvorstellung gegen 45 Gegner in Buenos Aires noch tagelang mit dem Wahnsinn zu kämpfen gehabt. Ob dies stimmt oder ob Najdorf, wie er es gern tat, die Dinge ein wenig
dramatisiert hat, lässt sich schwer feststellen. In jedem Fall wird Najdorfs Geschichte des Blindsimultanspielers, der nach vollbrachter Leistung schlaflos in seinem Hotel damit ringt, seinen aufgeputschten Geist zu beruhigen, immer wieder gerne kolportiert, und der Argentinier muss seitdem neben Morphy und Pillsbury als Kronzeuge für die Gefahren des (Blind)Schachs herhalten. Bleibenden Schaden im öffentlichen Bewusstsein hat allerdings ein anderer angerichtet: Stefan Zweig, Autor der Schachnovelle, der bekanntesten Erzählung über das Schachspiel.
Bekanntlich spielt das Blindschach in der Schachnovelle eine zentrale Rolle. Dr. B., die Hauptfigur der Erzählung, wird
verrückt, weil er in Gestapo-Haft eine Überdosis davon bekommt, während sein Gegner Mirko Czentovic, Prototyp des dumpfen Faschisten und - wie Zweig es nennt - „Weltschachmeister“, nicht eine einzige Partie blind spielen kann. Wie absurd diese Vorstellung ist, merkt man, wenn man vergleichbare Szenarien auf anderen Gebieten zu entwerfen versucht: Ein Komponist, der jede Note am Klavier spielen muss, ein Philosoph, der jeden seiner Gedanken notiert, um ihn nicht zu vergessen, oder ein Maler ohne visuelle Vorstellungskraft? Zweig verstand nicht viel vom Schach, nannte den Springer schon mal „Pferd“ und vielleicht rührte daher sein Misstrauen gegenüber dem Spiel. In jedem Fall ist seine Haltung typisch für den generellen Argwohn gegenüber herausragenden geistigen Leistungen. Den Gefahren anderer Sportarten steht das Publikum weniger hysterisch gegenüber.

WIRKLICH GEFÄHRLICHE DINGE
So kommt etwa jeder zehnte Bergsteiger, der versucht, den Mount Everest zu erklimmen, dabei ums Leben. Trotzdem gelten Mount Everest-Bezwinger und solche, die es werden wollen, nicht als
verrückt oder lebensmüde, sondern als Helden. Mit Bewunderung spricht man von Rennfahrern, die „am Limit“ fahren, selbst dann, wenn sie besagtes Limit überschreiten und ihren Wagen an die Mauer oder in die Zuschauermenge setzen. Und wie viele Verletzte oder Tote gab es schon durch Unfälle bei der Tour de France und wie viele Marathonläufer brachen bereits auf der Strecke zusammen?
Ein weiterer interessanter Fall für gesundheitsgefährdenden sportlichen Einsatz, der Bewunderung bringt, ist der von Torwartlegende Bernd Trautmann, einer der ersten Deutschen, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der englischen Liga spielte. Anfangs waren die Fans skeptisch, doch „Traut-the-Kraut“ überzeugte durch Kampfkraft: 1956 spielte sein Verein Manchester City gegen Birmingham im Cup-Finale, als Trautmann 20 Minuten vor Ende der Partie nach einem Schuss in den Nacken das Bewusstsein verlor. Er rappelte sich jedoch wieder auf, spielte weiter und verhalf seiner Mannschaft zum Sieg. Vier Tage später kam die ärztliche Diagnose: Genickbruch. Im gleichen Jahr wurde er als erster Ausländer zu Englands Fußballer des Jahres gewählt. Apropos sportliche Engländer: Als Ellen MacArthur vor kurzem die Welt allein
schneller umsegelte als je ein Mensch vor ihr, fieberten Tausende von Fans auf der ganzen Welt per Internet mit und verfolgten täglich ihre Reiseroute. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie glücklich von den überstandenen Strapazen der Reise, wie sie manchmal tagelang nur ein paar Minuten am Stück schlafen konnte oder bei schwerem Seegang in den Mast hochklettern musste, um die Segel einzuholen. Was ist verrückter und gefährlicher: Alleine um die Welt zu segeln, mit gebrochenem Genick Fußball spielen, bei Sonne und Regen stundenlang um die Wette zu laufen, mit dem Fahrrad drei Wochen bei Wind und Wetter die höchsten Berge Frankreichs zu überqueren oder gegen 20 oder mehr Gegner 12 Stunden und länger Blindschach zu spielen? Alle diese Leistungen mögen großartig sein, aber bei aller Sucht nach Rekorden und Sensationen genießt das Ausloten der Möglichkeiten des menschliches Geistes offenbar kein hohes Ansehen.

DIE SCHACHSPIELER: IMMER KRITISCH
Allerdings sind auch die Schachspieler über das Blindspiel geteilter Meinung. So meinte Morphy das Blindspiel „beweise nichts“ und der Russe Petroff erklärte: „The service of chess does not profit by it. He who plays well without seeing the board will play even better if he does look at it. Therefore these displays are merely shows to dazzle the public.“ (David Hooper, Kenneth Whyld, The Oxford Companion to Chess, 1996, S.45) Aufschlussreich ist hier die Verachtung, mit der Petroff von „dazzle the public“ spricht. Natürlich spielt man sehend besser als blind und nur selten dienen Blindsimultanveranstaltungen dazu, den Wert einer im 25. Zug gebrachten Neuerung im Najdorf-Sizilianer zu testen. Blindschach ist Show - und damit tun sich Schachspieler schwer. Ein Blick auf die Siegerfotos von Turnieren genügt, um sich davon zu überzeugen, wie ungern Schachspieler posieren. Der Anzug, wenn denn überhaupt einer getragen wird, sitzt schlecht, der Rücken ist gebeugt, die
Haltung schlaff, der Blick schweift in die Ferne, Pokal oder Geldscheck werden verlegen in den Händen gehalten und
alle sehen aus, als wären sie lieber ganz woanders. Auch während oder nach einer Schachpartie bleiben die Emotionen verborgen. Anders als im Fußball, wo einem der Jubel sofort verrät, wer gewonnen hat, muss man beim Schach oft nach dem Sieger der Partie fragen. Der Charme des Schachs enthüllt sich nicht auf den ersten Blick und womöglich braucht manch potenzieller Schachfan einen Anstoß, um den Zauber des Spiels zu entdecken. Das Blindspiel als Schachshow, mit der die sonst so schwer greifbare
Leistung der Schachspieler deutlich wird, könnte solche Anstöße geben.