LIEBE LESER,

im Juli vor dreißig Jahren begann der WM-Wettkampf zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer in Reykjavik 1972. Kein anderes Schachereignis stand je so im Blick der Öffentlichkeit. Der strahlende Sieger Fischer löste eine wahre Schachmanie aus: Schachbretter und Spiele fanden reißenden Absatz, Schach war auf den Titelseiten der Zeitungen und Menschen in aller Welt spielten die Partien des Matches nach. Zahlreiche Leute lernten Schach wegen und durch Bobby Fischer. Er wurde zur Identifikationsfigur einer ganzen Schachgeneration. Grund genug für KARL, den Schwerpunkt dieser Ausgabe dem Mythos Fischer zu widmen.

Über keinen anderen Schachspieler wurde so viel spekuliert und um keinen anderen ranken sich so viele Legenden. Unberechenbar war er immer. Nachdem er den Weltmeistertitel errungen hatte, zog er sich zurück. Heute soll er irgendwo in Asien leben, vermutlich in Japan. Zuweilen meldet er sich in Radio-Interviews zu Wort, wie vor fast einem Jahr, als er die Anschläge des 11. September zum Anlass nahm, seine antisemitischen Wahnvorstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die Artikel im Schwerpunkt betrachten diesen widersprüchlichen Menschen und den Mythos Fischer aus verschiedenen Perspektiven. Gegner, Freunde, Offizielle und Beobachter schildern ihre Sicht Fischers.
Mark Taimanow, der im Kandidatenmatch 1971 vom Amerikaner vernichtend mit 6:0 geschlagen wurde, erklärt die Gründe für die Höhe der Niederlage und spricht über die Stärken und Schwächen Fischers.
Der Bamberger Großmeister Lothar Schmid, der Schiedsrichter in Reykjavik war, äussert sich über sein sehr persönliches Verhältnis zu Bobby, das von großem
Verständnis getragen wird. Klaus-Peter Schneider dagegen beschreibt, wie er 1972 als Amateurspieler den nicht wieder erreichten Medienrummel erlebte.
Über all die Aufregung um die Person sollte man Fischers Schach nicht vergessen. Großmeister Karsten Müller verrät, was Fischer auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den Jahren 1970-72 so stark gemacht hat.
Dem bei weitem negativsten Aspekt der Persönlichkeit Fischers widmet sich Ernst Strouhal. Er forscht nach möglichen Ursachen für Fischers Antisemitismus, der umso mehr erstaunt, wenn man weiß, dass seine Mutter jüdischer Abstammung ist.

In unserem Rubrikenteil stellt Sergei Movsesian seine Lieblingspartie vor, die er in für ihn untypischer Weise ohne taktische Tricks gewinnen konnte. Im Porträt enthüllt der zweifache Deutsche Meister Matthias Wahls wie er so erfolgreich geworden ist und spricht über Werdegang, Computerprogramme und Schachtraining.
Im Kritikenteil schildert Jon Speelman, wie es ihm gelingt, seine tägliche Zeitungskolumne zu betreuen. Neu ist die Rubrik “Ein Wort zum Schluss”, die einen kurzen, resümierenden Blick auf das Heft wirft.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Lothar Schmid und Michael Ehn für das originelle und schöne Bildmaterial, das sie uns zur Verfügung gestellt haben.

Dank auch an unsere aufmerksamen Leser, die auf Unregelmäßigkeiten in den Statistiken der letzten Ausgabe hingewiesen haben. Wir bitten dies zu entschuldigen. Die Daten wurden vom Deutschen Schachbund zur Verfügung gestellt, und vermutlich verhält es sich mit ihnen wie mit Großmeisteranalysen: selbst die besten sind nicht fehlerfrei und hätten geprüft werden müssen.


Harry Schaack