berliner_schachlegenden

Michael Dombrowsky,
Berliner Schachlegenden, Erinnerungen und Portraits
aus der Zeit vor und nach
dem Mauerbau.
Berlin: Edition Marco 2013,
240 S., Hardcover,
29,80 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von der Edition Marco
zur Verfügung gestellt.


 

BERLINER ORIGINALE

Von Harry Schaack


Der Verleger Arno Nickel hat in der Vergangenheit immer wieder liebevoll edierte Werke zur lokalen Schachgeschichte veröffentlicht. Jetzt ist mit Michael Dombrowskys Berliner Schachlegenden ein äußerst lesenswertes Buch über zehn Spieler im Berlin der fünfziger und sechziger Jahre erschienen. Es war die Glanzzeit des Berliner Schachs, die der Autor mit seinen atmosphärisch dichten Schilderungen rund um den Mauerbau wiederauferstehen lässt.

Dombrowskys Porträts, denen jeweils sachkundige Partieanalysen von Helmut Reefschläger angehängt sind, zeichnen sich jenseits hagiographischer Darstellung vor allem durch Authentizität aus. Mit großer journalistischer Fertigkeit gelingen ihm liebevolle Charakterstudien, die seine Helden mit all ihren Schwächen und Eigenheiten zu tiefst menschlich zeigen. Alle vorgestellten Spieler, von denen einige die schachliche Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik geprägt haben, kannte er persönlich.

Berlin in den Sechzigern – das war Tals Uhrenhandicap oder das Match zwischen Berlin und den USA. Berlin in den Sechzigern – das war aber vor allem der allgegenwärtige Kalte Krieg und der Mauerbau, der jede der zehn Biographien beeinflusst hat. Die Mauer, der Riss durch die deutsche Geschichte, separierte auch die Schachgemeinde. Der Schachprofi, Kolumnist und Schachautor Kurt Richter lebt nach dem Mauerbau in Ostberlin. Der heute fast vergessene Klaus Uwe Müller – 1952 geteilter DDR-Meister und Olympiade-Teilnehmer – ist dagegen einer von rund 100.000 Republikflüchtlingen, als er 1954 nach Westberlin „rübermacht“.

Und Hajo Hechts Biographie steht geradezu als Sinnbild für das geteilte Deutschland. Seine Eltern leben in Ostberlin, er geht in Westberlin in die Schule. Deshalb hat er zwei deutsche Pässe und kann 1960 – als Westberliner – unbehelligt die Leipziger Olympiade besuchen. 1961 trennt ihn der Mauerbau von seinen Eltern, die schwere Sanktionen erleiden, weil der Sohn als Republikflüchtling eingestuft wird. Trotzdem wird er einer der erfolgreichsten Berliner Spieler. Wegen seiner beruflichen Laufbahn kann er sich erst Ende der Sechziger intensiv dem Schach widmen und wird einer der ersten deutschen Profis. 1970 wechselt er wie viele andere Berliner von Berlin zum Erfolgsklub Solingen.

Noch vor Hecht war Klaus Darga viele Jahre ein Pfeiler des deutschen Schachs. 1953 teilt er bei der Jugendweltmeister den ersten Platz und wird 1964 einer von fünf deutschen und von nur 72 Großmeistern in der Welt. Trotz seiner Erfolge ist sein Verhältnis zum DSB nicht immer unkompliziert, weil er sich von den Funktionären nicht reinreden lässt. Nach dem Studium ist Darga mehr oder weniger Profi, entscheidet sich aber mit 31 gegen eine Schachkarriere und nimmt 1965 einen Job an. Trotzdem gelingt ihm 1967 in Winnipeg sein größter Turniererfolg: Er wird punktgleich mit Larsen vor Spasski und Keres Erster.

Das Buch versammelt eine Reihe ganz unterschiedlicher Charaktere. Da ist der unauffällige Rudolf Teschner, der den Nationalsozialismus überlebt, weil er verbergen kann, dass er „Halbjude“ ist. Nach dem Krieg gewinnt er nicht nur mehrfach die deutsche Meisterschaft, sondern steigt als Herausgeber der Deutschen Schachzeitung zum einflussreichsten Schachjournalisten und zu einem der bedeutendsten Figuren des deutschen Schachs auf.
Der hochbegabte Dr. Lehmann ist dagegen ein streitlustiger Polterer. Der schon mit zwanzig promovierte Jurist beherrscht mehrere Sprachen fließend. Seine Russischkenntnisse retten ihm vermutlich im Krieg das Leben. Doch seine Schwäche ist der Alkohol, der ihn gelegentlich unbeherrscht werden lässt. Das führt zu Schwierigkeiten mit Funktionären des deutschen Schachverbandes, die ihn nach einem Zwischenfall bei der Olympiade 1960 in Leipzig nicht mehr berücksichtigen.

Harald Lieb ist ein sportliches Multitalent, im Schach wie in der Leichtathletik ein As. Jürgen Dueball ist das Paradebeispiel eines Homo Ludens. Im Schach erreicht er ebenso Topniveau wie im Bridge und vor allem im Go, wo er Vize-Europameister wird. Dabei begann er erst mit 18 intensiv Schach zu spielen. Wolfgang Bialas gehört zum Olympiateam 1964 in Tel Aviv, das die UdSSR sensationell besiegt und später Bronze gewinnt. Mit Lothar Schmid fechtet er einen Strauß aus, als der ihm Schiebung unterstellt, was ihm der integere Berliner nie verzeiht. Bleibt noch Adolf Delander, ein Problemist und begeisterter Löser, den
Herbert Grasemann zum Leiter des Problemteils der Deutschen Schachzeitung als Problemtester verpflichtet.