LIEBE KARL-LESER,

am 10. Februar 1924 gründete sich in Essen die Schwalbe, die deutsche Vereinigung für Problemschach. Anlässlich ihres 90. Geburtstags widmen wir diesen KARL einem zu Unrecht nur am Rande der Schachszene wahrgenommenen Gebiet: dem Problemschach und der Schachkomposition.

Seit langem ist ein immer stärkeres Auseinanderdriften zwischen Turnierschachspielern, denen es vor allem um den Wettkampf geht, und den Problemisten zu beobachten, die sich vorrangig als Künstler verstehen und denen es vor allem um die Ästhetik geht. Die Nahschachspieler haben eine natürliche Scheu, sich auf eine praxisferne Stellung einzulassen. Studien sind ihnen am vertrautesten, weil sie den Partiestellungen am nächsten kommen und maßgeblich zum Verständnis elementarer Endspiele, also zum theoretischen Wissen beitragen. Der praktische Nutzen ist enorm, weshalb auch Weltklassespieler regelmäßig Variantenberechnung mit Studien trainieren. Doch Turnierspielern fällt es offenbar schwer, jenseits utilitaristischer Aspekte den künstlerischen Wert einer Komposition zu genießen. Dabei führen diese uns in oft überraschender, ja verblüffender Weise die den Figuren innewohnenden Kräfte in Reinform mit ästhetischem Genuss vor Augen. Vielleicht fehlt es ja nur an der entsprechenden Vermittlung. Wir hoffen mit diesem KARL dazu beizutragen, dass Turnierspieler und Problemisten wieder etwas näher zusammenrücken.

Grundsätzlich kann man in der Schachkomposition zwischen dem Problem und der Studie unterscheiden. Zwischen beiden verhält es sich wie zwischen einem Gedicht und einer Ballade: Während beim Problem die einzelnen Bestandteile ideal ineinandergreifen, hat die Studie etwas Narratives. Man bekommt eine kleine Geschichte erzählt. Wie genau, das erklären Experten wie Harold van der Heijden, John Nunn und Yochanan Afek, während sich Hanspeter Suwe der Geschichte des Problemschachs widmet und bernd ellinghoven in unserem Interview u. a. die ästhetischen Merkmale einer Komposition erläutert. Und wenn sie wissen wollen, was die Lieblingskomposition von Exweltmeister Vishy Anand ist, schlagen Sie auf S. 34 nach.

Michael Negele und Tomasz Lissowski nutzen die Gelegenheit, ein lange überfälliges Porträt über den polnischen Schachspieler, -organisator, -finanzier und -komponisten Dawid Przepiórka zu verfassen, der nach einem erfüllten Schachleben ein viel zu frühes, tragisches Ende erlitt.

Und anlässlich seines 70. Geburtstages haben wir mit der Schachlegende Vlastimil Hort ein längeres Interview geführt, in dem er sich erstaunlich offen über seine Jahre in der CSSR und seine Flucht in den Westen äußert.

Bleibt noch mich für die tatkräftige Unterstützung der Schwalbe-Leute zu bedanken, ohne die dieses Heft so nicht möglich gewesen wäre.

Harry Schaack

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