LIEBE KARL-LESER,

unser Heft widmet sich diesmal einem Thema, das Potenzial hat, das Turnierschach zu zerstören: der Betrug. Wir hätten uns schwerlich einen besseren Zeitpunkt aussuchen können, wenngleich diese Ausgabe zeigt, dass der grobe Regelbruch nicht erst mit dem Erscheinen elektronischer Hilfsmittel im Computerzeitalter seinen Anfang nimmt, sondern, wie bei allen anderen Sportarten, von jeher zum Spiel gehört. Denn wie Ernst Strouhal in seinem Leitartikel Sympathy for the Devil? deutlich macht, lässt sich auch die rechtschaffene Gesellschaft vom Reiz des Verbotenen locken.

Den Anstoß zu unserem Heft hat eigentlich der Fall des B-Kaderspielers Falko Bindrich gegeben, der Ende Januar vom Deutschen Schachbund für zwei Jahre gesperrt wurde. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, weil Bindrich gegen das Urteil Einspruch eingelegt hat. Doch seither war in den Medien gleich über mehrere Betrugsvorwürfe zu lesen. Einige Falschspieler fielen auf, weil ihr Ergebnis zu perfekt war, sie also mithin „zu gut“ betrogen hatten. Erinnert sei an den Kreisligaspieler Clemens Allwermann, der sich mit der Ansage eines achtzügigen Matts gegen einen Großmeister öffentlich zum Narren machte.

Während Sportler gewöhnlich medizinische Hilfe für ihre Leistungssteigerung in Anspruch nehmen müssen, reicht dem Schächer heute ein kleines am Körper ver­borgenes Smartphone mit einem kostenlos erhältlichen Schachprogramm. So kann sich jeder den perfekten Hosentaschensekundanten leisten, der einem in unklaren Stellungen bei Toilettengängen zur Seite steht. Kann man diesen Rat auch nicht während der gesamten Partie konsultieren, so schafft er doch in kritischen Momenten Klarheit. Manch einer wird sich gar einreden, er habe sich lediglich vergewissert, dass seine Stellungseinschätzung richtig war.

In dieser Ausgabe versuchen wir zu klären, welche Mittel dem Betrogenen juristisch zur Verfügung stehen. Und in einem Interview mit Bundesturnierdirektor Ralph Alt fragen wir, welche Maßnahmen der DSB gegen diese Bedrohung mittels moderner Technik ergriffen hat.

Ein subtiles Probleme, das mit dem sogenannten e-Doping einhergehen, ist ein zunehmendes Misstrauen. Selbst Ligaspieler in unteren Klassen beschleicht bei einer überraschenden Kombination ihrer Gegner mittlerweile das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und den Profis geht es nicht anders.

Gewöhnlich sind Betrüger kategorische Leugner. Gestehen tun sie selten. Christoph Natsidis gab seinen Betrug bei der Deutschen Meisterschaft 2011 sofort zu. In diesem Heft spricht er im Interview mit KARL erstmals öffentlich über die immensen Folgen
seiner Missetat. Er steht für die andere Seite der Medaille und könnte als warnendes Beispiel für Gleichgesinnte fungieren.

Vielleicht ist es ein kleiner Trost für das Schach, dass auch im Volkssport Fußball Schiebungsskandale allgegenwärtig sind. Aber vielleicht ist Schach auch besser mit manipulierten Doktorarbeiten vergleichbar, die kurioserweise mehr und mehr mithilfe moderner Technik bloßgestellt werden. Auf jeden Fall gilt es zu verhindern, dass im Schach wie bei der Tour de France irgendwann (fast) jeder „dopt“, der mitspielt.

Harry Schaack

 

 

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