LIEBE LESER,

Emanuel Lasker wäre in diesem Jahr am 24. Dezember 140 Jahre alt geworden. Dieses „kleine“ Jubiläum sowie das im Oktober anstehende WM-Match zwischen Anand und Kramnik in Bonn – das erste in Deutschland seit Aljechin gegen Bogoljubow 1934 – sind eine gute Gelegenheit, sich dem einzigen deutschen Schachweltmeister eingehend zu widmen.

Lasker war eine sehr breit orientierte Persönlichkeit. Dem Schachspiel galt keineswegs seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Er trug zwar den Titel mit 27 Jahren solange wie kein anderer Weltmeister der Geschichte. Es gab aber immer wieder längere Phasen, in denen er sich seinen mannigfaltigen anderen Interessen zuwendete. Lasker war ein Universalist und neben seiner Tätigkeit als Schachspieler auch Mathematiker, Philosoph, Erfinder, Schriftsteller. Seine Biographie changiert zwischen dem ungebundenen Freigeist eines mondänen Künstlertums und einem Hang zum Pragmatismus, der sowohl für sein Schachspiel als auch für seine politisch-philosophischen Ideen Pate stand.

Die vorliegende Ausgabe ist in enger Zusammenarbeit mit der Emanuel Lasker Gesellschaft entstanden und in gewisser Weise ein Präludium zum großen, 2009 erscheinenden Lasker-Reader, an dem seit drei Jahren ein vielköpfiges Autorenkollektiv arbeitet. In unserem Heft sind jetzt schon einige der neuen Erkenntnisse der Forschung zu lesen, die nicht zuletzt durch einen kürzlich entdeckten Nachlass neue Nahrung erhalten hat. Michael Negele zeigt in einer Fotostrecke die interessantesten Stücke dieses unerwarteten Fundes und gibt im Interview Auskunft über die bisherigen Ergebnisse des Lasker-Projektes. Ihm gilt auch mein Dank für die immer hilfreiche Unterstützung und den Großteil des weitgehend unbekannten oder vergessenen Bildmaterials, das wir in diesem KARL präsentieren können.
Auch der Beitrag von Wolfgang Kamm zu Laskers Ahnenforschung, der unerwartete Ergebnisse hervorgebracht hat, ist im Kontext des Lasker-Projektes entstanden. Ebenso wie Robert Hübners Artikel, der einen der ersten Wettkämpfe Laskers gegen Jacques Mieses einer eingehenden Analyse unterzieht. Hübner war es, der schon vor fast zehn Jahren die Mär von Laskers „psychologischer“ Spielführung ins rechte Licht gerückt hat. Laut Richard Reti soll Lasker zu Beginn seiner Partien „absichtlich“ schlecht gespielt haben, um den Gegner irgendwann mit seiner wahren Kraft zu konfrontieren. Damit glaubte er, die Antwort darauf gefunden zu haben, warum Lasker so viele
Partien durch „Glück“ gewann, wie Tarrasch meinte. Hübner ist es zu verdanken, dass diese Annahme, die sich im Laufe der Jahre in der Sekundärliteratur verfestigt hat, entmystifiziert wurde.

Johannes Fischer richtet in seiner Biographie den Blick vor allem auf die sportliche Karriere. Sein Resümee weist Lasker als einen der erfolgreichsten Spieler aller Zeiten aus, der bis ins hohe Alter zur Weltspitze zählte und bis 1934 bei jedem Turnier mindestens unter den ersten drei zu finden war.

Auch unser Porträt steht im Zeichen des Heftschwerpunktes. Paul Werner Wagner ist Gründer und Leiter der Emanuel Lasker Gesellschaft, die sich seit 2001 um das Vermächtnis des zweiten Schachweltmeisters kümmert. Doch Wagner berichtet über Lasker hinaus auch von seiner eigenen bewegenden DDR-Biographie.

Schließlich sei noch auf die Besprechung des 2008 neu aufgelegten Dramas Vom Menschen die Geschichte hingewiesen, das Emanuel Lasker gemeinsam mit seinem Bruder verfasste und das bislang selbst in Bibliotheken kaum mehr greifbar war.

Harry Schaack