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Sportveranstaltungen jeglicher Art haben mit Politik zu tun. Im Schach weiß man das spätestens, seit dem der WM-Kampf Fischer gegen Spasski in Reykjavik zur Bühne der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges wurde. Die FIDE-Präsidenten Max Euwe und Fridrik Olafsson waren in den Siebzigern hauptsächlich damit beschäftigt, zwischen der Sowjetunion und der westlichen Welt zu vermitteln.

Die aufregenden siebziger Jahre sind längst passé. Heute sind die Zeiten ruhiger geworden. Und dennoch gibt es viel zu tun für den Weltschachverband. Seit über zehn Jahren ist die Organisation vom Willen eines Mannes, Kirsan Iljumschinow, abhängig. Mit den Neuwahlen zur Präsidentschaft kann sich das allerdings ändern. Denn mit Bessel Kok hat erstmals ein ernstzunehmender Herausforderer den Fehde-Handschuh in den Ring geworfen. In einem Interview verrät er KARL, wie seine Chancen kurz vor der Wahl stehen.

Der schachliche Erfolg der Sowjetunion beruht auf Strukturen, deren Grundlagen schon kurz nach der Oktoberrevolution gelegt wurden. Das Spiel sollte als Ausdruck der Überlegenheit des sowjetischen Systems als Breitensport etabliert werden. Gemeinhin geht man davon aus, dass Lenin der Initiator für die flächendeckende Umsetzung war. Heinz Brunthaler kann in seinem Porträt jedoch zeigen, dass es vor allem Alexander Iljin-Genevski zu verdanken ist, dass die Sowjetunion maßgeblich die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schachlich dominieren konnte.

Eine Persona non Grata der Sowjetunion war Fjodor Bohatyrtschuk. Er steht stellvertretend für viele entwurzelte Schicksale des Zweiten Weltkrieges. Aus der Ukraine kommend hat es ihn nach Deutschland und schließlich nach Kanada verschlagen. Sein Lebenslauf weist manche Lücken auf, doch Michael Negeles Recherche könnte dazu beitragen, einige blinde Flecken zu schließen. Wegen seiner angeblichen Kollaboration mit den Nationalsozialisten ist sein Name aus den Annalen der UdSSR getilgt worden.

Ein ähnliches Schicksal erlebte Sammy Fajarowicz, dessen Vermächtnis den Nazis zum Opfer fiel. Gottfried Braun schildert seine lebenslange Suche nach den Ursprüngen einer Variante, die den Namen des jüdischen Schachspielers verdient hätte.

Im Porträt erzählt Michael Bezold von seinem Aufstieg zum Großmeister und seiner Liebe zur Turnierorganisation. Die Veranstaltung in der berühmten fränkischen Pulvermühle, in der sich früher die bundesdeutschen Nachkriegsliteraten der Gruppe 47 versammelten, ist heute Austragungsort eines der attraktivsten Rundenturniere für deutsche Schachspieler. Seit Bezold in einer Festanstellung als
Software-Entwickler arbeitet, ist er Amateur. Und seither ist sein eigentlich defensives Spiel deutlich aggressiver geworden.

Harry Schaack