DER SCHÖNE SCHEIN

Ein Nachruf auf Eduard Gufeld


VON JOHANNES FISCHER

 

Bis zum Schluss liebte er das Handeln und Verkaufen. Die Todesanzeige Eduard Gufelds, der am 23. September 2002
in den USA im Alter von 66 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls starb, bittet um Spenden für Begräbniskosten und Blumen - und fügt hinzu, dass Eduard der „einzige Verdiener in einer Familie alter und gebrechlicher Immigranten“ war.
Das kann man glauben oder auch nicht. Denn wie Genna Sosonko in einem kritischen und lesenswerten Nachruf auf Gufeld schrieb, „hing über allem was er tat ... die Wolke
des eigenen Vorteils“ (New In Chess, 1/2003, S.46-53).
Vielleicht enthüllen Gufelds Leben und seine Bücher gerade deshalb interessante Aspekte der Schönheit im Schach. Denn Gufeld verkaufte sich als Künstler auf der Suche nach dem
vollendeten Kunstwerk, nach der „Mona Lisa“ des Schachs. In Chess: The Search for Mona Lisa, einem seiner besten Werke, berichtet er von dieser Suche.
Der Großmeister erinnert sich an seine Kindheit in Kiew und seine Fußballleidenschaft, die unter ungerechten Schiedsrichtern litt, und allmählich vom Schachfieber abgelöst wurde. Er erzählt von seiner Arbeit als Trainer und schildert Begegnungen mit Fischer, Kortschnoi, Botwinnik, Kasparow und anderen Großen und Nicht-so-Großen des Schachs. Er schwärmt von seiner Lieblingsfigur, dem Läufer auf g7, zeigt viele wunderbare königsindische Partien und verrät seine Schachauffassung: „Ich würde meine besten Partien nie gegen ein Dutzend erster Plätze eintauschen. ... Oft wurde mir in Turnieren, in denen ich sehr schlecht abgeschnitten habe, der Preis für die beste Partie des Turniers verliehen. Und darauf bin ich stolz. Aber das Publikum hat schon immer denen Beifall geklatscht, die zuerst am Ziel waren, und dabei oft die spirituellen Gewinner des Rennens vergessen.“ (S. 32)
Dieses Bekenntnis zur Ästhetik, die über rein sportliche Erfolge triumphiert, gipfelt in Gufelds „Unsterblicher“, seiner „Mona Lisa“: der Partie Bagirow - Gufeld, gespielt im Halbfinale der UdSSR Meisterschaft 1973. Tatsächlich eine bemerkenswerte Leistung: Schwarz sieht sich in einem Sämisch-Königsinder einem frühen Angriff ausgesetzt, wählt eine kreative Verteidigung und brennt dann im Gegenangriff auf dem Damenflügel ein phantastisches Feuerwerk von Opfern ab. Mit dem wenigen Material, das ihm danach noch bleibt, setzt er Matt.

BAGIROW
GUFELD

Kirovobad, 1973

1.d4 g6 2.c4 Lg7 3.Sc3 d6 4.e4 Sf6 5.f3 0-0 6.Le3 Sc6 7.Sge2 Tb8 8.Dd2 a6 9.Lh6 b5 10.h4 e5 11.Lxg7 Kxg7 12.h5 Kh8 13.Sd5 bxc4 14.hxg6 fxg6 15.Dh6 Sh5 16.g4 Txb2 17.gxh5 g5 18.Tg1 g4 19.0-0-0 Txa2 20.Sef4 exf4 21.Sxf4 Txf4 22.Dxf4 c3 23.Lc4 Ta3 24.fxg4 Sb4 25.Kb1

25...Le6 26.Lxe6 Sd3 27.Df7 Db8+ 28.Lb3 Txb3+ 29.Kc2 Sb4+ 30.Kxb3 Sd5+ 31.Kc2 Db2+ 32.Kd3 Db5+ 0-1

Gufeld hatte begriffen, wie wichtig die richtige Vermarktung der eigenen Kunstwerke ist und sein Geschäftssinn war mindestens so gut entwickelt wie sein Gefühl für Ästhetik. Unermüdlich pries er seine „Mona Lisa“ und kommentierte die Partie Bagirow - Gufeld in zahllosen Anthologien und Schachzeitschriften. Skrupel bereits Geschriebenes noch ein zweites oder drittes Mal zu veröffentlichen hatte er nicht. Er war ein Künstler des Recycelns. Wesentliche Passagen in The Search for Mona Lisa sind bereits früher unter dem Titel My Life in Chess erschienen und wurden anschließend wieder zu Artikeln für Schachzeitschriften in aller Welt. Gufelds Name schmückt zahllose Schachbücher. Über die genaue Zahl streiten die Experten. Manche sagen achtzig, andere tippen auf über Hundert, Sosonko auf siebenundvierzig. Gufeld trat bei zahllosen Büchern als Co-Autor auf und es bleibt unklar, wie viel er wirklich dazu beigetragen hat. Er besaß, um mit Bertolt Brecht zu sprechen, eine „grundsätzliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums“. Manchmal gefielen ihm die Kommentare anderer Spieler so gut, dass er sie einfach übernahm - ohne die Quelle zu nennen.
Aufschlussreich ist der von Gufeld postulierte Widerspruch zwischen Ästhetik und sportlichem Erfolg. Er begründet ihn mit der Energie, die der Spieler, der nach Schönheit trachtet, in seiner Suche nach Unsterblichkeit oft vergeudet und die vom sportlich orientierten Typus genutzt wird, um pragmatisch Punkte zu sammeln. Abgesehen davon, dass Schönheitspreise nicht für Verlustpartien vergeben werden, drängt sich bei dem vehementen Pochen auf das ästhetische Element die Frage auf, ob dies nicht nur eine Schutzbehauptung für ausbleibenden sportlichen Erfolg ist.
Ein typisches Phänomen. Schönheit beruht oft auf Paradoxien, dem bewussten Verletzen von Regeln - so wie das Opfer im Schach sich über den „eigentlichen“ Wert der Figuren hinwegsetzt. Weil es schwer ist, gut zu spielen und die tatsächlichen Probleme der jeweiligen Stellung zu lösen, ist man leicht versucht, unter dem Deckmantel der „Schönheit“ das Diktat der Regeln zu verletzen; so wie der Kaffeehausspieler, der bedenkenlos Material gibt, um irgendwann einmal effektvoll Matt zu setzen - nachdem er unzählige Partien sang- und klanglos verloren hat.
Unabsichtlich verrät The Search for Mona Lisa viel von dem widersprüchlichen Charakter seines Autors. Gufeld pflegte den Ruf eines lustigen und unterhaltsamen Geschichtenerzählers und tatsächlich enthält das Buch zahlreiche amüsante Episoden aus seinem Leben. Aber viele der Anekdoten haben recht matte Pointen, sind trivial oder werden nur erzählt, um zu gefallen. Echt wirkt dagegen Gufelds ansteckende Leidenschaft für das Schach, die sich in zahlreichen gut kommentierten und schönen Partien niederschlägt.
Denn auch wenn Gufeld nicht der schachliche Schöngeist war, der er vorgab zu sein, so war er doch ein gefährlicher Gegner, der an guten Tagen Leute wie Smyslow, Tal und Spasski schlagen
konnte - nicht selten in spektakulärem Stil. Ein Beispiel dafür liefert der folgende Sieg gegen Smyslow bei der sowjetischen Mannschaftsmeisterschaft 1967.

SMYSLOW
GUFELD

UdSSR 1967

1.c4 Sf6 2.Sf3 g6 3.b4 Lg7 4.Lb2 0-0 5.e3 b6 6.d4 c5 7.dxc5 bxc5 8.b5 a6 9.a4 Se4 Schwarz beschwört Komplikationen herauf, um den Entwicklungsrückstand des Weißen auszunutzen. 10.Lxg7 Kxg7 11.Dd5 Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Schwarz etwas übersehen hätte: Sowohl der Se4 als auch der Ta8 hängen. Aber Gufeld verfolgt eine phantastische Idee. 11...Da5+ 12.Ke2

12...Lb7! Ein unglaublicher Zug. Schwarz löst seine Entwicklungsprobleme auf radikale Art: Er opfert einfach zwei seiner noch nicht aktiven Figuren. Nach 12...Sc3+ 13.Sxc3 Dxc3 14.Td1! Ta7 15.Dxc5 hat Weiß Vorteil 13.Dxb7 Sc6! Gufeld berichtet, wie diese Partie die Aufmerksamkeit fast aller anderen Spieler auf sich zog. Auch Ex-Weltmeister Botwinnik verfolgte das Geschehen interessiert. Gufeld schreibt: „Er studierte die Stellung auf dem Brett, schaute mir ins Gesicht, und ging anschließend zu Geller, um ihm etwas zuzuflüstern. Viele Jahre später erzählte mir Geller, was er gesagt hatte: 'Wer ist dieser Halbstarke, der bei uns in der Mannschaft spielt?'“ (S.64) Natürlich weiß man nicht, ob Gufeld diese Begegnung nicht einfach nur erfunden hat. Dann würde sie das Schicksal vieler schöner Erzählungen teilen, die nichts als Phantasie sind, aber Charme besitzen. Denn tatsächlich charakterisiert diese Episode das schwarze Spiel recht gut. 14.Sfd2 Sofort nehmen darf Weiß den Springer nicht. Nach 14.bxc6 Tab8 15.Dxd7 Tfd8 16.Dxd8 Dxd8 17.Sbd2 Tb2 ist der schwarze Angriff zu stark, z.B.: 18.c7 Dxc7 19.Ke1 Da5 20.Td1 e5 mit der Idee Sc3 nebst e4. Weiß überlässt die Dame ihrem Schicksal, weil er hofft, so den schwarzen Angriff parieren zu können und genug Material für die Dame zu bekommen. 14...Ta7 15.bxc6 Txb7 16.cxb7 Db4 17.Sxe4 Eine Ungenauigkeit. Besser war 17.Ta2 17...Db2+ 18.Sbd2 Dxa1 19.Sxc5 Tb8 20.g3 Da3 Aber nicht 20...d6? 21.Sd7 Txb7 22.Lg2 Db2 23.Tb1 und Weiß gewinnt. 21.Sxd7 Txb7 22.Lh3 Dd6 23.c5 Dd5 24.f3 Tb2 Der exponierte weiße König und die verstreut stehenden weißen Figuren geben dem Schwarzen reelle Gewinnaussichten - auch wenn drei Figuren theoretisch ein ausreichendes Gegengewicht zur Dame darstellen. 25.Td1 e6 26.c6 Dc4+ 27.Ke1 Dd3 28.Lf1 Dxe3+ 29.Le2 a5 Um a5 nebst Sb6 zu verhindern. 30.f4 f6 31.c7 Tc2 32.Kf1 Txc7 33.Sc4 Ein Versehen in kritischer Lage. 33...Txc4 34.Lxc4 Df3+ 35.Ke1 Dc3+ 0-1

Und auch wenn sich hinter Gufelds Lobreden auf die Schönheit nichts als das Geschrei eines Händlers verbirgt, der seine Waren preist: Wer solche Partien spielt, dem vergibt man mancherlei.

 

 




Eduard Gufeld,
Chess: The Search for
Mona Lisa, London:
Batsford 2001. 256 S.,
kartoniert, 26,50 Euro

 

Das Belegexemplar wurde freundicherweise von der Firma Schach E. Niggemann gestellt.